Von Peter Hamm

Seine Lieder, meint man, müßten in aller Munde sein. So betörend ist ihr Ton, so süchtig machend, daß man sie auswendig kann, ohne sie je auswendig gelernt zu haben. Sie scheinen von sehr weit herzukommen – und sind doch in unserem barbarischen Jahrhundert entstanden, in dem kein anderer deutscher Dichter Schwermut des Gefühls und Leichtigkeit des Verses so vollendet zur Deckung zu bringen verstand wie Georg von der Vring. Tatsächlich ist aber dieser Georg von der Vring den Jüngeren nicht einmal mehr als Name und den Älteren meist nur als Name ein Begriff. Dabei ist sogar schon dieser Name wie im Bunde mit der Klangzauberkraft dieses Dichters, der weit mehr als die vier oder fünf „hinterlassungsfähigen Gebilde“, die Gottfried Benn einem Dicherleben zugestand, geschaffen hat. Auf Anhieb wüßte ich aus den über tausend Gedichten von der Vrings mindestens zwei Dutzend zu nennen, die sich in jeder Anthologie neben dem Besten von Matthias Claudius, Mörike, Lenau oder Loerke behaupten könnten.

Bezeichnenderweise stellte von der Vring selbst Claudius noch über Goethe und Hölderlin: Claudius schien ihm „nicht bedeutender, aber reiner“. Und er selbst war wohl so etwas wie ein Matthias Claudius unseres Jahrhunderts, der mit Karl Kraus über die deutschen Leser hätte klagen können: „Ihr lyrischer Fall war nicht Claudius, aber Heine“, was in Vrings Fall so zu übersetzen wäre: Ihr lyrischer Fall war nicht Vring, sondern Hesse. Verkannt wie Vring zuletzt war, verkannte er sogar sich selbst: „Es lebt, weil ihr nicht lebt, kein Sänger mehr“, schrieb er in seinem späten Gedicht „Schröder und Hesse erinnernd“ und war doch selbst dieser letzte Sänger. Nicht eine Zeile lang erlag er dem trockenen Klassizismus eines R.A. Schröder, und bei aller Natürlichkeit und Schlichtheit war von der -Vring zugleich viel gesammelter und kunstvoller als Hesse, der lyrisch doch viel Leerlauf produzierte.

Von der Vrings Verse zeichnet eine fast schon rückertsche Virtuosität – vor allem auch Reim-Virtuosität – aus, die sich gerade darin zeigt, daß man ihnen die Anstrengung ihrer Entstehung nie ansieht. Die besten wirken wie zugeflogen, als wäre der Dichter nur ein Medium, dessen sich die Natur als Sprachrohr bediente. „Man mag nicht sagen Gedanken – und man mag nicht sagen Naturlyrik, vielmehr ein Gespinst aus beiden, als ob die Natur denke“, so charakterisierte W.E. Süskind, der treueste Vring-Freund, diese Gedichte. Aber was wie zugeflogen wirkt, verdankt sich angestrengtester Arbeit, oft arbeitete von der Vring seine Verse jahrelang um, bis sie schließlich jene Magie der Mühelosigkeit ausstrahlten, die sich jetzt an ihnen bewundern läßt.

Nacht ohne dich.

Wer wird mein Herz bewahren?

Der Mond erblich.