Die Sorge der erfolgreichen Autorin gilt den armenischen Kindern

Von Carmen Korn

Ein leichtes Leben hätte das sein können, das Leben der Lois Fisher-Ruge. Ein guter amerikanischer Traum, der im Dezember 1940 in Connecticut den Anfang nahm. Die Eltern gaben Lois und ihrer Schwester Liebe und Geborgenheit und Ideale und hatten Geld genug, ihren Kindern auch das käufliche Glück in den Schoß zu legen. Ein Studium in Vassar, einem der feinsten Colleges im Lande. Eine junge Karriere im Weißen Haus, im Stab des demokratischen Präsidenten Johnson. Die Sommer wurden an der Küste Neuenglands genossen oder in Europa. Die Winter bescherten Thanksgiving-Feste in eleganten Häusern. Das leichte amerikanische Leben einer Tochter aus gutem Hause. Es hätte sich sicher fortsetzen lassen können.

Statt dessen Peking, das von seinen Bewohnern für einen einzigen großen Spucknapf gehalten wird, dessen Apparat mit bürokratischen Häßlichkeiten auf die Annäherung der Amerikanerin reagierte, und sie durch mißverständliche Gepflogenheiten oft verzweifeln ließ. Statt dessen Moskau, in dem die Menschen vor lauter Kampf, die eigene kleine Existenz zu erhalten, viel zu erschöpft sind, um noch ein Lächeln für eine Fremde zu haben. Statt dessen armenische Kinder, die im Moskauer Kinderkrankenhaus liegen, dem schrecklichen Erdbeben entkommen, doch mit kaputtem Körper und lädierter Seele. „Wenn man die kleinen Körper gesehen hat“, sagt Lois Fisher-Ruge, „weiß man, daß die Natur wirklich keine Gnade kennt.“

Zwanzig Jahre lang war sie die Frau eines Auslandskorrespondenten, der für das Erste Deutsche Fernsehen und für eine Tageszeitung aus Amerika, China und der Sowjetunion berichtete. Dann wurde aus Mrs. Gerd Ruge die Autorin Lois Fisher-Ruge, die mit den Titeln „Alltag in Peking“, „Alltag in Moskau“ und „Nadeschda heißt Hoffnung“ die Himmelsleiter der bestverkauften Bücher erklomm. Die Ehe nahm Schaden. Seine Worte, er sei nur noch der Mann an ihrer Seite, hatte sie nach all den Jahren als Frau an seiner Seite nicht zeitig als Warnung erkannt. Er zog aus. Seit 1986 sind sie getrennt. „Er hat mit 58 Jahren entschieden, er müsse seine Freiheit haben“, sagt sie und ist traurig darüber.

Doch Lois Fisher-Ruge will das Gute aus dem Topf gelebten Lebens holen, wenn sie sich erinnert. Gut, daß er sie nach Peking geführt hat. Freiwillig wäre sie da nicht hingekommen. Gut, daß sie Moskau kennenlernen durfte. Gut, daß das Leben unbequem wurde und sie herausgefordert war. Nur nicht für eine verwöhnte Göre gehalten werden, die keine Ahnung hat. „Ich will wissen, wie hart das Leben ist“, sagt sie.

In ihrem neuen Buch „Meine armenischen Kinder“ schreibt Lois Fisher-Ruge einen Satz, den sie für einen Wegweiser zu ihrer Seele hält: „Bis zu diesem Augenblick hatte ich mir noch keine Niederlage erlaubt, obwohl es Situationen gegeben hat, die mich an den Rand meiner Kräfte brachten.“ Sie stellte sich diesem Augenblick und folgte der Bitte einer russischen Freundin, in das Kinderkrankenhaus zu kommen, das die Opfer des Erdbebens vom 7. Dezember 1988 aufgenommen hatte. Das Leben nahm damit wieder eine Wende.