Löwen? Ach wissen Sie, die sind sehr selten geworden. Hyänen haben wir jede Menge." Kinder stiefeln durch die grauen Pfützen. Im "Neuen Raubtierhaus" liegen sie in quälend engen Käfigen, unter Spitzbögen: eine Löwin und ein Löwe. Jedes füllt seinen Käfig aus, links er, rechts sie, die Gesichter voneinander abgewandt. In der offenen Verbindungsluke kreuzen sich ihre Schwänze. "Der Berberlöwe (Panthera leo leo) wurde um 1930 ausgerottet. Durch gelegentliche Einkreuzungen von Vertretern anderer Löwenunterarten sind die Bestände nicht mehr reinblütig. In einem internationalen Programm wird versucht, durch eine Verdrängungszucht den Berberlöwen, dessen Merkmale auf Grund von Museumspräparaten bekannt sind, zu erhalten."

STADTRUNDFAHRT

Die Ziegel durchlöchert, die Wände schwarz, die Fensterhöhlen blind. "Reinster Klassizismus", sagt Johannes Schulze, "da hat mal der Konzertmeister vom Gewandhausorchester drin gewohnt. Jetzt steht sie sechs, acht Jahre leer, die Villa. Da war ein Flächenabriß vorgesehen. Und nun ist sie nicht mehr zu retten." In der Kolonnadenstraße, dem einsamen Vorzeigestück behutsamer Stadterneuerung, erzählt er seine Leidensgeschichte. "1968 bin ich Mitglied geworden. Ich schäme mich, daß ich nicht vor dem November ausgetreten bin." Auf dem Weg nach Grünau breitet er das Planungselend aus: "100 000 Wohnungen – das sind vierzig Prozent – sind vor dem Ersten Weltkrieg gebaut." Das ist eigentlich sehr schön. "Ja, aber 50 000 sind nicht mehr zu retten. Wir haben auch gar keine Menschen dafür." Die hat man nach Grünau geschafft. Weil es schneller und billiger war, baute man vor den Toren der Stadt eine Plattenbausiedlung. "Na, ja", sagt Johannes Schulze und zeigt auf die Wohnquader, "erst sollte es für 25 000 Leute sein, aber dann haben sie immer weitergebaut." Das Plattenbaukombinat hat sich durchgesetzt, mit Hilfe der Partei. Kennziffern, Prämien, wie es so geht. Und jetzt fehlen die Menschen für die Innenstadt, wo die Gründerjahresubstanz verfällt in rasender Geschwindigkeit. Ein Kilometer Wohnsilos. "Die Menschen werden uns noch verfluchen", sagt Johannes Schulze. In Grünau wohnt auch der Leipziger Chefarchitekt Fischer, in vier Zimmern, mit zwei Kindern, ohne Telephon.

Später stehen wir auf der überpflanzten Schutthalde an den Bauernwiesen. Die Luft ist frisch und klar, was selten ist, und unten liegt die Stadt. Von Grünau bis zum Turmbau der Karl-Marx-Universität, vom Stadion bis zum Völkerschlachtdenkmal. "Halbnackt haben sie dagelegen, tagelang geschrien, die Halbtoten. Ach je." Johannes Schulze geht zum Auto zurück. Am Fuße des Müllberges hat sich eine Kinderbande aus Sperrmüll eine Burg gebaut. Über ausrangierten Küchenschränken weht die Fahne in der Dämmerung – schwarzrotgold. Mit Hammer und Zirkel. "Sehen Sie den alten Gasometer? Könnte man schön umbauen ... Ach, man könnte so vieles." Seit dreißig Jahren ist er Stadtplaner in Leipzig und kann viel erzählen. Sein Büro liegt ganz oben im Neuen Rathaus. "Da, direkt unterm Stadtwappen." Nun will er nicht mehr planen. "Ich hab mich zum Denkmalschutz gemeldet", sagt er und hebt die Hand zum Gruß an die schneeweiße Schiebermütze.

DER SPASSMACHER

"Eigentlich ist ja die Leipziger Volkszeitung schuld. Die haben so lange gehetzt, bis sich der letzte gutmütige Sachse gesagt hat: Na, nu so aber nicht. Die LVZ ist schuld: Die wissen es nur noch nicht."