R. Messner und A. Fuchs in der Antarktis – doch was kommt dann?Blindekuh am Südpol

von Hanns-Bruno Kammertons

Zu den ungerechterweise vernachlässigten Geheimnissen des Älterwerdens gehört, daß sich die frühen Kindergeburtstagsnachmittage im Laufe der Jahre auf wundersame Weise zu verklären beginnen. Mit Wehmut geht die Erinnerung zurück an die Mohrenköpfe ohne Zahl und an den Bienenstich von Tante Else. Es gab reichlich Limo und nicht nur Milch; wir süßen Bonbons, soviel wir nur konnten. Vor allem aber, wir spielten: Blindekuh, Eierlaufen, Sackhüpfen, um nur einiges zu nennen.

Rein äußerlich waren die Disziplinen eher verschieden, doch ihrem theoretischen Ansatz nach glichen sie sich sehr. Sie folgten schlicht dem Primat, das Ausleben natürlichen menschlichen Bewegungspotentials mittels einiger Tücken (Sack!) auf recht originelle Weise zu erschweren.

Anzeige

Es war eine schöne Zeit, auch wenn sich der Reiz des Eierlaufens einige Kindergeburtstagsnachmittage später etwas zu erschöpfen begann. Das erste Erröten, später der Wechsel vom Ranzen zum Köfferchen, und nun also sitzen wir hier, ein Reihenhaus, das Wohnzimmer ist warm und behaglich, wir essen Chips und gucken fern: Reinhold Messner und ein gewisser Arved Fuchs, fernab unterwegs, nur umgeben von Eis und Schnee.

Messner, das vertraute Gesicht. Wie immer sind wir auch diesmal überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit wir uns in den Zustand der Euphorie begeben, sobald wir dieses bärtigen Homo montanus ansichtig werden. Vierzehn Achttausender, rund dreißig Expeditionen, Nanga Parbat, K 2, Mount Everest, Begegnung mit dem Yeti in Tibet – und jetzt also Antarktis, Südpol, insgesamt gute 3400 Kilometer.

So weit, so gut. Unser Chips-Vorrat neigt sich bedrohlich, doch wir bleiben sitzen. Antarktis? By fair means Ohne einen anständigen Motorschlitten? Nicht mal ein paar Huskies? Einfach so? Zu Fuß? Fragen über Fragen.

Wie zu hören ist, schlägt das Abenteuer-Unternehmen mit 1,5 Millionen Dollar zu Buche. Bei der Finanzierung des Trips in die Tiefe dieses bis dato noch weithin unberührten Raumes waren ein Autohaus sowie ein Fabrikant für Dübel und Hebebühnen behilflich. Orthodoxer ist die Frage der Berichterstattung geregelt, der Spiegel berichtet exklusiv, zwei Mann sind seit gut drei Monaten fast ständig auf Pol-Höhe. Für Fachleute nicht überraschend, widmen sie vor allem den vier Füßen der Aktiven breiten redaktionellen Raum. „Unterhalb der Hornhaut der Fußballen und der Ferse haben sich an seinen eindrucksvoll großen, aber stark belasteten Füßen blutgefüllte Blasen gebildet

Tja, die Füße. Wir kommen nicht umhin, noch einen Augenblick bei ihnen zu verweilen, indem wir Spiegel-Leser Rudolf Langner (Karlsruhe) das Wort geben. Er äußerte jüngst in einem Brief: „Ich hatte als selbstverständlich angenommen, Reinhold Messner werde die Antarktis barfuß begehen. Gleich dem ersten Bild Ihres Berichtes muß ich nun entnehmen, daß er – wie alle anderen vor ihm auch – in Stiefeln unterwegs ist: Was soll dann der ganze Zirkus?“

Service