Die meisten deutschen Juristen sind nicht ehrlich. Sie lügen und betrügen schon, bevor sie überhaupt in ihren Beruf einsteigen: Rund siebzig Prozent aller Richter, Staats- und Rechtsanwälte schreiben ihre Hausarbeit, Hauptbestandteil des Juraexamens, nicht selbständig, sondern mit fremder Hilfe. Dies behauptet jemand, der es eigentlich wissen muß: Rolf Krumsiek, Justizminister in Nordrhein-Westfalen und selbst promovierter Jurist.

Und es kommt noch schlimmer: Die Studenten „gehen vermehrt dazu über“, sagt der Minister, „ihre Hausarbeit in Wahrheit gegen Bares und ohne jegliche Eigenleistung bei bewährten Juristen zu kaufen.“ 10 000 bis 15 000 Mark werde für solche Pfuscherei bezahlt, und nicht selten seien entsprechende unsittliche Angebote gar am Schwarzen Brett der Universitäten ausgehängt.

Künftige Gesetzeshüter als frühreife Rechtsbrecher? Höchst bedenklich. Daß sich hier das Rechtsempfinden eines Justizministers aufbäumt, wird jeder besorgte Bürger mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Und das ministerielle Machtwort, eine „solche hohnsprechende Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes nicht länger zu dulden, verdient spontanen Beifall.

Doch schnell schleicht sich Irritation ein. Die betrügerischen Jungjuristen verletzen doch allenfalls die gesetzliche Verpflichtung zur Eigenleistung, darüber hinaus vielleicht auch das ethische Gebot der Aufrichtigkeit. Aber warum das „Gleichheitsprinzip“? Weil, sagt der Minister, 15 000 Mark eine Summe sei, „die von Otto Normalverbraucher niemals berappt werden kann“. Richtig, aber soll das heißen, Krumsiek hat gar nichts gegen den Handel mit Hausarbeiten, sondern nur etwas gegen überhöhte Preise?

Krumsiek will nun die Hausarbeiten kurzerhand abschaffen. Das hilft zwar garantiert, bringt aber auch das Verhältnis von Ursache und Wirkung durcheinander. Schließlich würde doch auch niemand ein Kaufhaus bloß deshalb schließen, weil sich die Ladendiebstähle häufen.

Inzwischen haben Krumsieks Kollegen von der juristischen Zunft schon längst gewittert, was sich dem Laien erst durch angestrengtes Nachsinnen erschließt: Hier geht es gar nicht zuerst um die moralische Labilität angehender Juristen, nein, mit der Abschaffung der berüchtigten „Sechs-Wochen-Arbeit“ soll die Prüfungsordnung gründlich geändert werden. Das will Krumsiek seit Jahren vergeblich, denn dagegen wehrt sich fast die gesamte Juristenzunft.

Der Streit um das Für und Wider der Hausarbeit hat in Fachkreisen eine so lange Tradition wie das Jurastudium in der Bundesrepublik überhaupt. Die Arbeit kostet zuviel Kraft und Zeit, meinen vor allem die Politiker. Sie verlängert das Studium unnötig und blockiert dadurch Studienplätze in den ohnehin völlig überlaufenen Jurafakultäten. In einigen Bundesländern ist die Hausarbeit aus diesen Gründen auch bereits durch ein erweitertes Klausurensystem ersetzt worden.