Schwärmer und Baumeister

Die Elemente einer künftigen europäischen Ordnung

Von Christoph Bertram

Wenn Weltgeschichte in Tagen gemacht wird, fällt es schwer, Politik über den Tag hinaus zu gestalten. Nichts läßt dies offenbarer werden als die unterschiedliche Reaktion der Zeitgenossen auf den rapiden Verfall der europäischen Stabilitätsstruktur, die wir gegenwärtig erleben.

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Da gibt es, wie immer bei Revolutionen, allerhand Schwärmer, die allein schon in der Zerstörung des Alten die Vision der Zukunft erkennen: Das Alte war schlecht, weil es verschwindet, das Neue ist gut, weil es entsteht. Warschauer Pakt und Atlantische Allianz – weg damit. Mühsame Verhandlungen über Abrüstung in Wien – diplomatischer Kleinkram. Amerikanische Truppen in Europa, verbündete Soldaten auf deutschem Boden – ab nach Hause.

Dann gibt es die Bremser. Sie wollen den unkontrollierten Lauf der Ereignisse wieder einfangen, das Alte konservieren – nicht weil es zeitgemäß ist, sondern weil es allzu raschem Wandel Schranken setzen könnte. Die Bremser sitzen in den Staatskanzleien von Ost und West. Weil der Warschauer Pakt verfällt, sucht die Sowjetunion Fühlung mit der Nato, um so das eigene Bündnis wieder zu rechtfertigen. Weil im Osten Deutschlands’der Ruf nach Einheit immer ungeduldiger ertönt, sehen die Weltmächte und die meisten unserer Nachbarn in der Existenz beider Allianzen, in der Schlußakte von Helsinki und manche sogar in der Viermächte-Verantwortung für Deutschland die besten Barrieren gegen eine „wilde Wiedervereinigung“.

Auch eine „wilde Abrüstung“ möchten die Bremser verhindern. Die Wiener Verhandlungen über die Reduzierung von Waffen und Streitkräften sollen als Bollwerk gegen einseitige Abrüstungsschritte dienen: Die unruhigen Belgier, deren Verteidigungsminister in der vergangenen Woche laut mit dem Gedanken spielte, alle 25 000 belgischen Soldaten aus der Bundesrepublik abzuziehen, sollen damit ebenso blockiert werden wie übereifrige Kongreßabgeordnete in Washington, die FDP in Bonn – oder wie die Tschechen, Ungarn und Polen, die möglichst rasch die sowjetischen Truppen auf ihrem Boden loswerden wollen.

Niemand, so die Bremser, soll schneller abrüsten dürfen, als die derzeitige Verhandlungsrunde erlaubt. Die Ungeduldigen werden auf die nächste Runde verwiesen. Dann könnte ja, lockt der sowjetische Chefunterhändler, der völlige Abzug aller ausländischen Truppen auf europäischem Territorium vereinbart werden – wenn Prag und Budapest und Warschau nur jetzt stillhalten.

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