Die Wiederaufarbeitung verliert an Bedeutung

Von Hans Schuh

Kaum hat sich der erbitterte Streit um die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf gelegt, da stehen der deutschen Nukleargemeinschaft neue Debatten um ihr Entsorgungskonzept ins Haus Soll die Wiederaufarbeitung wie geplant verlagert werden nach Frankreich (La Hague) und Großbritannien (Sellafield) Oder wäre es nicht kluger, künftig konsequent auf diese umstrittene Technik zu verzichten und die Nuklearabfalle aus Kernkraftwerken direkt in Endlager zu verbringen

Die „Wiederaufarbeitung wird von der Branche weiter favorisiert“, meldete Ende Oktober das Düsseldorfer Handelsblatt und entsprach damit der offiziellen Lesart „Die Stromkonzerne nehmen endgültig Abschied von der Wiederaufarbeitung“, orakelte hingegen im Dezember Der Spiegel und münzte flugs eine Tendenz zur Neuorientierung um zur Endgültigkeit Selbst wenn alle Elektrizitätsversorger den Ausstieg aus der Wiederaufarbeitung wollten Bis es soweit kommt, wird noch viel Tinte fließen Denn nicht nur die Betreiber mit ihren divergierenden Ansichten mußten sich einigen, auch Bund und Lander hatten ihr Plazet zu geben, ebenso die internationale Atomaufsichtsbehorde, die den Fluß von Spaltmaterial kontrolliert Vor allem aber fehlt noch der Beweis, daß eine direkte Endlagerung tatsächlich praktikabel ist Bis dahin ist noch einige Pionierarbeit zu leisten

Geringere Risiken

Was sind die Vor- und Nachteile der beiden diskutierten Entsorgungspfade Wiederaufarbeitung (WA) und Direkte Endlagerung (DE)? Für die WA sprechen vor allem zwei Argumente Erstens Sie dient der Ressourcenschonung, denn sie ermöglicht es, aus den gebrauchten Brennelementen unverbranntes Uran und Plutonium in erheblichen Mengen zurückzugewinnen Zweitens Es handelt sich um eine erprobte Technik, die als Entsorgungsnachweis vom Gesetzgeber akzeptiert ist Diese formale, mehr auf historisch-politischen als technischen Grundlagen fußende Regelung ist für die Kernkraftwerksbetreiber von zentraler Bedeutung Sie müssen für jeweils sechs Jahre im voraus „nachweisen“, daß die Entsorgung ihres Brennmaterials gewahrleistet ist, ansonsten droht ihnen die Stillegung des Meilers Können sie einen Vertrag über eine Wiederaufarbeitung des Materials vorlegen, dann ist das Nachweis-Problem vom Tisch

Für die direkte Endlagerung (siehe Zeichnung) hingegen sprechen vor allem zwei Aspekte Sie ist technisch deutlich einfacher und überschaubarer als die WA Das Risiko, daß es zu unerwarteten Zwischenfallen und Strahlenbelastungen kommt, ist vergleichsweise gering Denn die Transportwege sind kurz, die Manipulationen mit hoch radioaktivem Material auf ein Minimum beschrankt Damit eng verknüpft ist auch der wirtschaftliche Vorteil Die direkte Endlagerung ist der WA deutlich überlegen, zumindest bei den derzeit niedrigen Preisen für Kernbrennstoffe Gestritten wird lediglich darum, ob der Kostenvorteil 30 oder 300 Prozent betragen werde Jedenfalls geht es um Milliardenersparnisse – neben den Sicherheitsfragen Anreiz genug zum Nachdenken darüber, ob nicht künftig der Schwerpunkt bei der Entsorgung von der WA auf die DE verschoben werden sollte