5. Der Verdacht, einer vom kapitalistischen Penguin Verlag raffiniert eingefädelten Werbekampagne beizuwohnen. Ersatzweise: der Unwille, sich mit einer Sache zu beschäftigen, von der schon alle reden.

Die Britannien-Fans wurden als erste enttäuscht, denn die britische Linke nahm den Angriff auf die Meinungsfreiheit aus Angst, rassistisch zu erscheinen, widerstandslos hin; und „Mrs. Torture“ – wie Rushdie die Premierministerin im Roman nannte – stand nicht an, ihre Versuche, mit Teheran wieder ins Geschäft zu kommen, wegen eines linken Schriftstellers ohne weiteres aufzugeben.

Dafür schlug die große Stunde der Islamkundler. Der Zeitungsleser erfuhr beispielsweise, daß Rushdie eine minimale Chance besaß, seiner Ermordung zu entgehen, wenn er sich für seine Kopfgeburt in aller Form entschuldige. Er tat dies auch am 18. Februar in der vergeblichen, aber kaum verwerflichen Hoffnung, dem Pfeil, der, nach den eindrucksvollen Worten eines arabischen Staatsmannes, bereits auf sein Herz zuflöge, doch noch zu entgehen. Später erfuhr man, daß der Ajatollah immerhin die Regeln islamischer Rechtsfindung außer acht gelassen habe und Rushdie zwar wohl zum Tode, jedoch von einem Tribunal in seiner Anwesenheit zu verurteilen sei. Und man las sogar von der Möglichkeit, daß die Strafe für das Verbrechen, im Londoner Verlag Viking/Penguin 500 Seiten Belletristik veröffentlicht zu haben, ausgesetzt werde.

Hinter solchen Erwägungen manifestierte sich ein Werterelativismus, den Hans Magnus Enzensberger „luxuriös“ nannte. Luxuriös waren im Augenblick konkreter Gefahr etwa historische Streifzüge zum Thema: Autoren wurden schon immer wegen ihrer Schriften verfolgt. Luxuriös war die Erörterung, ob das Abendland wirklich so liberal sei, wie die Verteidiger der Meinungsfreiheit jetzt vorgäben.

MÄRZ

Zum Glück gab es in der ganzen verworrenen Diskussion die Scheidelinie. An ihr endete das Relativieren und Temporisieren, dahinter lag die Aktion: für viele Intellektuelle ein seit zwanzig Jahren nicht mehr gehabtes Gefühl. Es ging um die Herausgabe der „Satanischen Verse“ in anderen Sprachen. Der italienische Verlag Mondadori verstand sich als erster zu einer demonstrativen Haltung – er publizierte das Werk zum vorgesehenen Frühjahrstermin sozusagen auf Chomeini komm raus. Wer seit Jahr und Tag mit einer Mafia im Lande lebt, läßt sich von Gewalt und Drohungen weniger leicht beeindrucken. Darum ging es nämlch auch in den folgenden Debatten: nicht nur um Fragen theoretischen Dafürhaltens, sondern um Angst und um Mut.

Das Hickhack um die deutsche Ausgabe der „Satanischen Verse“ hat zu den gehässigsten Feuilletontexten des Jahres 1989 geführt. Am 14. März endlich hatten sich sechzig Verlage zu gemeinschaftlichem Handeln zusammengefunden. Sie gründeten die Gesellschaft „UN-Charta Artikel 19“ und vertaten sich vor Eifer schon bei der Namenswahl – gemeint war nämlich Artikel 19 der Allgemeinen Menschenrechtsdeklaration, was später stillschweigend korrigiert wurde, doch bis zur Auslieferung des Buchs im Herbst wollte die Berliner tageszeitung nicht warten und druckte, ohne sich ums Urheberrecht zu scheren, ganzseitig selbst übersetzte Auszüge aus dem Roman, so wie es der französische Figaro schon unmittelbar nach Beginn der Affäre, Libération und der Nouvel Observateur etwas später getan hatten (allerdings mit Einverständnis des Rechtsinhabers Christian Bourgois, der die französische Ausgabe ebenfalls zunächst verschob und sich dann weitere Risikopartner dafür suchte).