Von Hans Harald Bräutigam

Nicht immer ist der Anlaß, hergebrachte Medizintechnik zu verbessern, so dramatisch, wie er von Hans Wendl vor Jahren im Kreißsaal einer Hamburger Frauenklinik erlebt wurde. Eine junge Mutter erstickte bei ihrer ersten Entbindung durch einen eklamptischen Krampfanfall, eine in der damaligen Zeit nicht seltene Schwangerschaftsvergiftung. Mit dem zur Verfügung stehenden Gummikeil und einer Metallzwinge gelang es ihm nicht, den Mund zu öffnen, um die Atemwege freizuhalten. Dieses traumatische Erlebnis ärztlicher Hilflosigkeit hat bei Hans Wendl Erfindergeist geweckt. So hat er nach vielen Versuchen aus rotem Weichgummi einen Schlauch entwickelt, der genügend Festigkeit hatte, um durch die Nase in den Rachenraum eingeführt zu werden, und gleichzeitig weich genug war, um nicht die empfindlichen Gewebestrukturen zu verletzen. Auf seinen „Nasopharyngealtubus“ ist der mittlerweile jetzt als Gynäkologiechef in einem Krankenhaus am Hamburger Stadtrand tätige Erfinder mit Recht stolz. „Die Mühen, ein Patent anzumelden und zu erhalten, sind gewaltig“, erinnert sich Hans Wendl, „daß ich mit der Erteilung eines Patentschutzes auch später einmal Geld verdienen könnte, habe ich in meiner Unerfahrenheit gar nicht zu hoffen gewagt.“

Heute haben es die „Gelegenheitserfinder“ aus der ärztlichen Praxis, der Krankenhauspflege oder dem Medizinlaboratorium leichter. Die aus einem Chemielaboratorium hervorgegangene Pharmafirma Fresenius in Bad Homburg veranstaltet bereits zum zweitenmal ihren „Medizinischen Erfinderkongreß“ am 24. März, um allen Tüftlern eine Chance zu geben, ihre Erfindungen der Öffentlichkeit vorzustellen Die 150 angemeldeten Teilnehmer können vor der Gefahr des „geistigen Diebstahls“ sicher sein. Die Organisatoren dieser Erfindermesse sorgen für Geheimnisschutz. Nur mit dem schriftlichen Versprechen, nicht abzukupfern, erhalten interessierte Industrievertreter, die ständig auf der Suche nach Neuem sind, Zutritt.

Fresenius organisiert auch die kostenlose Beratung durch Patentanwälte. Die ist wichtig, denn bei Entwicklungen für die Medizintechnik muß die Zusammenarbeit mit interessierten Unternehmen organisiert werden. Dazu ist fachliche Unterstützung durch Patentanwälte unerläßlich. Die Erfinder wollen sich ja vor allem auch die Priorität ihrer Erfindung sichern. Oft wissen sie nicht, daß sie durch eine Veröffentlichung in Fachblättern, in denen sie ihre Erfindung beschreiben, eine spätere Patentanmeldung unmöglich machen. Dann haben sie nur noch Anspruch auf den Schutz als Gebrauchsmuster. Damit nicht immer mehr „Hobby-Erfinder“ hier Lehrgeld zahlen müssen, will der Erfinderkongreß einspringen; kostenlos für Erfinder. Firmenvertreter müssen für die Suche nach Neuem bezahlen.

Lohnen tut es sich allemal: Die Industrie erhält Anregungen und erfährt so von den Bedürfnissen der Praxis. Die „kleinen Leute vor Ort“ erleben eine sie anspornende Bestätigung für ihre Erfindermühen. Sie erkennen, daß sich Fleiß und Phantasie auszahlen – vielleicht nicht immer gleich durch einen „dicken“ Vertrag, mit dem sie an ihre Arbeitsstätte zurückkehren. Aber in jedem Falle sind sie um die Gewißheit reicher, daß die ernsthafte Anerkennung, die sie auch durch die Teilnahme an der Erfindermesse erfahren, oft befriedigender sein kann als der materielle Gewinn. Das ganz große Geld wird auf Erfindermessen nur selten gemacht.