Ausstellung in Köln: Gerhard Richters „Atlas“Das visuelle Laboratorium

von Ursula Bode

So unvorbereitet man auch auf das Werk Gerhard Richters treffen mag – im Museum Ludwig in Köln ist es fast unmöglich, nicht von ihm gefesselt zu werden: Bereits im Treppenaufgang trifft der Besucher auf eine zum Klassiker bundesdeutscher Gegenwartskunst gewordene Gemälde-Folge, 48 Schwarzweißportraits berühmter Männer, entstanden nach lapidaren Lexikonphotos, im deutschen Pavillon der venezianischen Biennale 1972 zum erstenmal gezeigt. Die Arbeit gibt nicht nur Auskunft über Richters Verhältnis zur Photographie und über die Bedeutung, die der Künstler zumindest zeitweise der photographischen Vorlage als distanzschaffendem Medium für seine Malerei zumaß. Die Herren-Riege im Treppenhaus dient gegenwartig auch als ideale Einführung in eine Ausstellung der Graphischen Sammlung, die Richters „Atlas“ – seine Kollektion von Photos, Collagen und Skizzen – vorstellt.

Dieser „Atlas“, eine riesige Stoffsammlung und das Gegenteil eines aufgefächerten Skizzenbuchs im klassischen Sinn, bietet wenig Handschriftliches, keine subtilen Notate, nicht einmal eine verläßliche Sicht auf Vorformen eines komplexen malerischen Werks. Gleichwohl führt der „Atlas“ die Bildwelt des Künstlers vor, das heißt Fragmente einer persönlichen, wenn auch auffallend objektivierten Weltsicht, dargestellt zumeist in Photographien von landläufigem, für Erinnerungsalben geeigneten Format. Über Jahrzehnte bewahrt, vom Künstler zu Gruppen arrangiert, zu Blöcken geordnet, auf standardisierte Untersatzkartons geklebt und einheitlich gerahmt, dazu stetig ergänzt und verändert, sind sie als Ausstellung nicht direkt ein Augenschmaus. Eher eine Dokumentensammlung, spannend für Leute, die des Künstlers heterogenes Werk vor Augen haben. Das Kompendium aus mehr als zwanzig Jahren wirkt wie ein visuelles Laboratorium. Die oft banalen Photofolgen sind streng strukturiert, und ihre stereotype Präsentationsform suggeriert Homogenität, wo doch höchst unterschiedliche Eindrücke zueinander geordnet sind. Der „Atlas“, seit 1972 mehrfach öffentlich gezeigt und weiter angewachsen, ist zum Zeitpunkt einer Ausstellung jeweils abgeschlossen (und wird vom Künstler arrangiert). Richter erweitert ihn jedoch und setzt auch immer wieder neue Akzente – auch wenn das Werk heute in privatem Sammlerbesitz ist.

Anzeige

„Ich sehe unzählige Landschaften, photographiere eine von 100 000, male kaum eine von 100 photographierten – ich suche also etwas ganz Bestimmtes; ich kann daraus schließen, daß ich weiß, was ich will.“ Diese Tagebucheintragung von 1986 steht nicht von ungefähr am Anfang eines Textes, mit dem Armin Zweite das schöne und materialreiche Buch zum „Atlas“ einleitet. Auch wenn Richter in den vergangenen Jahren die früher enge Beziehung zwischen photographiertem Vorbild und seiner Malerei gelockert hat, so bleibt für ihn das Kamera-Bild ein Katalysator, der Filter einer sinnlichen Wahrnehmung, die ihren Weg zum Gemälde nimmt; ein Selektionsverfahren entwickelt sich daraus, wie es die Tagebuchnotiz erläutert und wie die Ausstellung dokumentiert.

Dazu bietet der „Atlas“ die Möglichkeit, mit Hilfe zahlloser Photos und photographischer Motivreihen, mit Photo-Collagen und Farbmustern, gezeichneten Raumdispositionen und einigen malerischen Strukturanalysen Grundlagenforschung für das Gesamtwerk zu betreiben. Die Kollektion erscheint dabei nicht allein als Zeugnis penibler Recherche und deren exakter Aufbereitung. Sie ist auch ein in sich geschlossener Ort der Erinnerung – nicht der „Souvenirs“. Richters Exerzitien bleiben nüchtern und distanziert, sein Blick auf Welt und Mitmenschen fast sachlich. Auch ein Frauenakt dient dem analytischen Ganzen. Auch eine Serie schönster Wolkenbildungen ist Versuchsanordnung und läuft nicht Gefahr, gefühlig zu wirken.

Der Künstler verwandelt seine Wahrnehmungen in verfügbare Materialien und Konzepte; er fixiert sie unter Glas, so sorgfältig wie ein Schmetterlingssammler seine kostbare Beute in Kästen aufpiekt. Doch nicht das erlesene Beispiel interessiert ihn; er will nicht die seltene An- oder Einsicht bewahren, sondern das ihm Bedeutsame im Alltäglichen, das Kunstlose der normalen Erfahrungen und die vergänglichen Bildkonzepte. Wer genau hinsieht, findet in vielen Tafeln des „Atlas“ Hinweise zu Gemälden und Gemälde-Folgen: Motive, Vorstufen, Skizzen mit Arbeitsspuren, dazu Blätter, in denen Photos kühne graphische Raum-Pläne bestimmen: wandfüllende Landschaften etwa, aus der Photographie transponierte Monumentalmalerei als Element der Architektur. Dies, zum Beispiel, ist eine interessante Facette innerhalb von Richters Versuchsanordnungen.

Man lernt tatsächlich einiges – etwa, wie genau (um nicht zu sagen: wie ein Altmeister des späten 19. Jahrhunderts) der Künstler seine gemalten Stillleben wie die mit Kerze und Totenschädel photographisch vorplant. Etwa, wie gering der Anteil politischer und gesellschaftlicher Motive im Verhältnis zur ästhetischen Landschafts-Schau ist. Zum Beispiel, wie übermächtig Meer und Wüste und Schneegipfel, überhaupt konkrete Naturansichten im Fundus des „Atlas“ sind. Noch einmal: Wer Gerhard Richters Werk nicht kennt, muß sich durch das buchhalterisch gebändigte Materialchaos kämpfen und wird bestenfalls neugierig auf dessen Fortsetzung in der Malerei. Wer sich jedoch an Bilder erinnert, auch an deren Vielfalt der Motive und Stilformen –, lernt sehen im Wiedersehen.

Diese Werkbiographie gibt mit ihren Tausenden von Details natürlich nicht Antwort für das ganze Werk. Daß sie aber ihre eigene Ästhetik hat, ist gewiß. Armin Zweite betont, daß der „Atlas“ ein eigenständiges Opus, ein offenes Werk sei – Begleitung und Ergänzung zu den Bildern. Sinnvoll ist, in der Ausstellung mit Hilfe von Katalogen und Büchern Bezüge zur Malerei herzustellen. Denn ob offen oder geschlossen, ob Dokumentation des Vergänglichen oder Zeichen für Zukünftiges – Information ist notwendig, nicht nur für ein breiteres Publikum, dem die Paradoxien und die Dialektik des Richterschen Œuvres ohnehin unverständlich erscheinen mögen.

„Das einzige Paradox liegt darin, daß ich immer mit der Absicht beginne, ein geschlossenes Bild mit einem sauber komponierten Motiv zu erhalten. Mit ziemlich großer Anstrengung beginne ich dann, oft gegen meinen Willen, diese Intention Stück für Stück zu zerstören, bis das Bild vollendet ist, d. h. bis nichts mehr übrig ist als Offenheit.“ Soweit Richter. Der „Atlas“, in Köln zu erkunden, ist als Schlüssel zum Paradoxen sehr brauchbar. (Museum Ludwig bis zum 16. April; Katalogbuch 45 Mark) Ursula Bode

Zur Startseite
 
  • Quelle DIE ZEIT, 9.3.1990 Nr. 11
  • Schlagworte Ausstellung | Fotografie | Künstler | Malerei | Köln
Service