Fernseh-KritikNichts zu sagen

von Barbara Sichtermann

ZDF, Donnerstag, 1. März: „live“, Talk-Show aus der Alten Oper in Frankfurt

Man hat sich nichts zu sagen. Wenn das keine Sache ist, eine Sendung draus zu machen Talk-Shows leben von den Welten, die zwischen, beispielsweise, Admiral Dieter Wellershoff und Künstlermuse Elke Koska liegen. Es mißverstünde sie, die Talk-Shows, wer sie für ein Mittel hielte, Leute ins Gespräch zu bringen. Daß auch im elektronischen Zeitalter Kommunikator Grenzen hat, das zeigen Talk-Shows.

Vielleicht sollten Diskussionsforen und themenzentrierte Gesprächsrunden à la Club 2 von den „echten“ Talk-Shows abgegrenzt werden. Wenn zu Wien eine illustre Runde in Lederfauteuils und Nachdenken versinkt, wenn zu Berlin Lea Rosh ihre Gäste über Homosexualität, Frauenpower oder Vaterlandsliebe ausholt, dann werden, wenn auch noch so chaotisch, Inhalte verhandelt. Man sagt sich die Meinung und sucht sogar nach der Wahrheit. Im Grunde führt zum Beispiel Frau Rosh eine Serie von Kurzinterviews zu ein und demselben Thema, mitunter sogar zwei bis drei Interviews gleichzeitig. Daß sie ihre Opfer, wie Eulenspiegel die Bienenkorbdiebe, auch aufeinanderhetzt, gehört zum Konzept. Diese Sendung, diese Spannung ist eine immer wieder schöne, aber doch eine Antiquität.

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Als Innovation hingegen beeindruckt uns die Talk-Show ohne Thema, Streit und Sinn. Leute sitzen sich da im Studio gegenüber, die einander sonst nie träfen und nun feststellen: Das ist auch besser so. Die personenzentrierte Talk-Show erst bringt die brandneue, zeitadäquate, medial-ideale Form zustande. Sie präsentiert den Geist der Epoche im geheimnisvollen Glanz seiner Negativität. Daß es nichts zu sagen gibt und daß deshalb, was gleichwohl gesagt wird, auch ganz anders gesagt werden könnte, daß die Menschen einander nicht verstehen und darüber gern und herzhaft lachen – das zeigt uns die „echte“ Talk-Show; im ZDF heißt sie: live. Aus der Frankfurter Alten Oper melden sich seit kurzem neue Moderatoren-Teams zum Tele-Endspiel.

Live bietet eine radikale Version der „echten“ Talk-Show, insofern diese Sendung selbst Persönlichkeiten, die in dem Wahn befangen sein könnten, sie hätten einander womöglich doch ein bißchen was zu sagen (wie beispielsweise Admiral Dieter Wellershoff und Ex-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi oder Generalintendant August Everding und Muse Koska), darüber aufklärt, daß dem nicht so ist. Jeder Geladene bemüht sich umsonst, zu den vorbereiteten Fragen von Elke Heidenreich und Rudolf Radke die passenden Antworten zu finden. Verbale Querverbindungen dienen nur dazu, Mißverständnisse, die reichlich anfallen, auszuräumen, ein Unternehmen, das automatisch neue Mißverständnisse und damit den angestrebten Heiterkeitserfolg zeitigt. Geübte Selbstdarsteller wie der Aktionskünstler HA Schult ignorieren keck die Moderatoren und wenden sich mit längeren PR-Texten gleich direkt ans Fernsehvolk, wodurch die Grundidee des Ganzen („Man hat sich nichts zu sagen“) aufs schönste illustriert wird. „Ich bin ein Romantiker des Konsumzeitalters“, sagt Schult, „und ein großer Moralist“, wohl hoffend, daß niemand ihn recht versteht. Perlend lacht dazu die Muse Koska.

Ja, sie zeigen’s uns unnachsichtig, die Talk-Master und ihre Gäste, daß wir einander nichts zu sagen haben, sie geben’s uns, sie machen uns fertig. Einer muß es ja tun. Barbara Sichtermann

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