Von Iring Fetscher

Der frühere Justizminister Frankreichs und jetzige Präsident des Verfassungsgerichts Robert Badinter wurde bei der Arbeit an der Biographie Condorcets, die er zusammen mit seiner Frau Elisabeth schrieb, auf die Bedeutung der Judenemanzipation in Frankreich aufmerksam. Seine informative und nüchtern geschriebene Studie ergänzt unser Bild von der Durchsetzung der Menschen- und Bürgerrechte um einen weithin vernachlässigten Aspekt.

Die Rechtsstellung jüdischer Minderheiten war vor der Revolution in Frankreich höchst unterschiedlich. Aus Spanien und Portugal kommende Juden in Bordeaux genossen in der Hafenstadt hohes Ansehen und waren mit königlichen Privilegien ausgestattet und geschützt. Juden, die in dem der Kirche gehörenden Gebiet von Avignon ansässig waren, mußten sich auf engem Raum in Ghettos zusammendrängen und waren in vieler Hinsicht in ihren Rechten eingeschränkt. Am schlechtesten aber war die Lage der Aschkenasim, die im Elsaß, in Lothringen und in den Bischofsstädten Metz, Toul und Verdun lebten. Die meisten Berufe waren diesen Juden verschlossen, zugelassen waren sie nur zum Handel mit Altkleidern und mit Geld. Auch herrschten in diesen Gebieten unter der einfachen Bevölkerung heftige antijüdische Vorurteile. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung Frankreichs schätzte man auf etwa 40 000.

So kosmopolitisch auch die Aufklärungsphilosophie in vieler Hinsicht war, so wenig haben französische Aufklärungsphilosophen zur Überwindung der traditionellen Judenfeindschaft beigetragen. Voltaire nannte die Juden „das verabscheuungswürdigste Volk der Erde“, und Montesquieu schlug lediglich vor, den Juden zu hohen Preisen Privilegien zu verkaufen. Von einer Forderung nach Gleichberechtigung ist auch bei ihm keine Rede. Bewundernde Sätze für die Treue der Juden zu ihrer nationalen Identität – trotz jahrhundertelanger Verfolgung und Unterdrückung – drückte allein Rousseau aus. Aufgeklärte Argumente für Toleranz hatten aber nur wenig Kraft gegenüber den religiös und ökonomisch motivierten Traditionen der Judenfeindschaft. Von dieser waren die zahlreichen schikanösen Einschränkungen der Freizügigkeit, der Gewerbetätigkeit, des Grunderwerbs durch Juden diktiert, die es in den meisten Städten des Königreichs gab. So mußten die Juden, die sich nach Straßburg begaben, um auf dem Markt etwas zu verkaufen, eine Abgabe bezahlen, wie sie auch für Tiere erhoben wurde. Heiraten bedurften der Genehmigung und waren auf wenige pro Jahr beschränkt, der Zuzug wurde behindert. Schutz erhielten jüdische Personen immer wieder durch die Krone, die sich diesen Schutz aber hoch bezahlen ließ.

Das war in etwa die Lage der Juden in Frankreich, als 1788 die Generalstände einberufen wurden. Damals erschienen die deutschen Staaten – insbesondere Preußen und Österreich – vergleichsweise als fortgeschritten, was die Stellung der jüdischen Minderheiten anging. Vor allem aber machten die Bücher von Moses Mendelssohn und G.E. Lessing zugunsten der Judenemanzipation auch in Frankreich Eindruck, wo sie bald übersetzt erschienen. Ein wohlhabender elsässischer Jude, Cerf-Berr, bemühte sich schon vor der Revolution um die Verbreitung aufgeklärter und toleranter Schriften zur Stellung der Juden. Er bat Moses Mendelssohn um Hilfe, und dieser schlug vor, den preußischen Beamten Christian Wilhelm Dohm mit der Abfassung eines entsprechenden Buches zu beauftragen. Dohm gibt in diesem Buch einen Überblick über die Lage der Juden in ganz Europa und weist nach, daß Toleranz und Freiheit für jüdische Gemeinden nicht nur den Juden, sondern auch ihren christlichen Mitbürgern von großem Vorteil sind.

Die Prinzipien der Unterdrückung der Juden, so schließt Dohm sein Panorama, „sind des Jahrhunderts der Aufklärung unwürdig und hätten längst schon aufgegeben werden müssen“. Wenn man den Juden Grunderwerb und handwerkliche Betätigung eröffnete, würden sie „physisch und moralisch sich regenerieren“, die Juden würden dann „glücklicher und nützlicher“ (für die Gesellschaft) werden. 1782 erscheint Dohms Buch auf französisch, wird aber schon im selben Jahr eingestampft, weil es keine Genehmigung durch die Zensur erhalten hatte.

1775 verteidigt der Anwalt P.L. Lacretelle (der später Abgeordneter der Legislative und Mitbegründer des Klubs der Feuillants sein wird) zwei jüdische Geschäftsleute in einem Prozeß gegen eine Innung von Thionville. Er verliert zwar den Prozeß, aber sein gedrucktes Plädoyer, das große Verbreitung erhält, trägt zur Hebung des Interesses am Schicksal der Juden – namentlich in Ostfrankreich – bei.

1787 schreibt die Akademie der Wissenschaften von Metz ein Preisausschreiben zur Beantwortung der Frage aus: „Gibt es ein Mittel, um die Juden nützlicher und in Frankreich glücklicher zu machen?“ Von den elf eingereichten Schriften waren zwei antisemitisch, zwei erschienen preiswürdig. Die wichtigste war die des Abbé Grégoire, der auf eine Anregung Mitterrands 1989 – ohne Beteiligung des französischen Episkopats – ins Pantheon überführt wurde. Gregoires „Über die physische, moralische und politische Regeneration der Juden“ erschien im Januar 1789 (Neudruck, Paris 1988, mit Vorwort von R. Badinter). Der Abbé Gregoire hatte das Buch von Dohm gelesen, war ein eifriger Anwalt der Sklavenbefreiung und trat für sie in der Konstituante wie im Konvent – zusammen mit Condorcet, Brissot, La Fayette und anderen – ein. In seinem Buch führt er – beinahe schon soziologisch argumentierend – die den Juden vorgeworfene „wucherische Tätigkeit“ darauf zurück, daß sie „von uns“ dazu gezwungen worden sind: „Es ist der Gipfel der Inkonsequenz, ihnen Verbrechen vorzuhalten, nachdem man sie dazu gezwungen hat, sie zu begehen.“ Die „Fehler“ der Juden seien Folgen der Gesetze, durch die man sie in ihrer Freiheit eingeschränkt hat, und des Hasses, den die Christen ihnen – seit ihrer Zerstreuung – entgegenbrachten. Freilich ist auch der Abbé Grégoire nicht frei von Vorurteilen. Er verurteilt den Talmud und kann sich eine Judenemanzipation nicht ohne deren Assimilation vorstellen.

Nicht weniger deutlich engagierte sich Mirabeau für die Emanzipation der Juden. Er veröffentlichte 1787 nach seiner Rückkehr aus Berlin eine Schrift „Über Moses Mendelssohn und die politische Reform der Juden“, in der er die Thesen Dohms und Mendelssohns zusammenfaßte: „Wenn ihr wollt, daß die Juden bessere Menschen und nützliche Bürger werden, dann verbannt aus der Gesellschaft alle für sie erniedrigenden Unterscheidungen, eröffnet ihnen alle Wege zum Eigentum und zur Betätigung.“ Mirabeau verlangt keine vollständige Assimilation, sondern anerkennt das Recht der Juden auf ihren Kultus und darauf, unter ihren eigenen Gesetzen (in ihren Gemeinden) zu leben.

Auch die königliche Regierung hatte schon vor 1789 Maßnahmen zur Verbesserung der Lage der Juden in Aussicht genommen. Malesherbes berief 1787 eine Kommission ein, die untersuchen sollte, ob und inwieweit die den Protestanten eingeräumte Gleichberechtigung mit den katholischen Franzosen auch Juden gewährt werden könne. Die meisten Gerichtshöfe interpretierten das neue Toleranzedikt in einem für die Juden günstigen Sinne, nur der von Metz – der Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde – weigerte sich, das Gesetz zu „registrieren“. Der von Toulouse machte erhebliche Einwendungen. Der vom König gewünschte Fortschritt kam zum Stillstand.

Durch die Einberufung der Generalstände traten zunächst andere Fragen in den Vordergrund. Immerhin konnte die jüdische Gemeinde von Bordeaux an der Wahl der Delegierten teilnehmen, ebenso die von Bourg-Saint-Esprit. An etwas Derartiges war in Ostfrankreich nicht zu denken. Der Abbé Grégoire fordert zwar seinen Freund Isaac Berr Bing von Metz auf, er möge doch seine Gemeinden („la nation juive“) auffordern, sich an den Wahlen zu beteiligen, bald zeigt sich jedoch heftiger Widerstand von Seiten der „christlichen“ Elsässer und Lothringer. In den Cahiers de Doleances der östlichen Provinzen überwiegen judenfeindliche Äußerungen und Forderungen nach Fortdauer oder sogar Ausweitung der diskriminierenden Maßnahmen gegenüber jüdischen Gemeinden. Dagegen ist die Haltung des Pariser Adels liberal. Das gilt vor allem für den Grafen Clermont-Tonnerre, Adrien du Port, den Herzog von La Rochefoucauld und den Marquis von Condorcet.

Aus kluger Vorsicht fordern die jüdischen Franzosen in ihren Cahiers de Doleances nicht die vollständige Gleichberechtigung, sondern verlangen lediglich gleiche Besteuerung, Abschaffung aller Sonderauflagen für Juden, das Recht, überall Wohnung zu nehmen und jeden Beruf auszuüben sowie Boden und Häuser zu kaufen. Außerdem erbitten sie das Recht auf Ausübung ihres Gottesdienstes und auf Bewahrung ihrer Gemeindeorganisationen. Im ersten Revolutionsjahr kommt es in Ostfrankreich – vor allem in Lixheim in Lothringen – zu Gewalttaten der Bevölkerung gegen Person und Eigentum von Juden. Zahlreiche Juden müssen fliehen. Eine Anzahl rettet sich nach Basel, wo sie freundlich aufgenommen werden. Angst herrscht im Elsaß. Die Periode der „Grande peur“, die sich überall im Lande vor allem auf adlige Grundbesitzer bezieht, betrifft im Elsaß vor allem auch Juden.

Die Juden von Bordeaux zeigen während dieser Zeit wenig Solidarität mit ihren ostfranzösischen Glaubensgenossen. Nur die Pariser Juden und die engagierten Anwälte der Menschen- und Bürgerrechte unter den Abgeordneten fordern eine allgemeine Emanzipation aller Juden. In der Assemblee nationale ziehen die antisemitischen Abgeordneten (unter anderen der Elsässer Rewbell) alle Register der Demagogie: Wenn man den Juden gleiche Rechte mit allen anderen Franzosen gewähre, würde das den Juden selbst am meisten schaden, weil es Pogrome von Seiten der Bevölkerung auslösen müsse.

Nach der Erklärung der Bürger- und Menschenrechte wird es für die Gegner der Gleichberechtigung der Juden schwerer, ihre Ablehnung zu begründen. In der Regel erklären sie die Juden (insbesondere die im Osten Frankreichs) zu „Fremden“. Während des Herbstes und Winters 1789/90 wird die Behandlung der „Judenfrage“ immer wieder von den Judengegnern vertagt. Der Graf Clermont-Tonnerre liefert mit seinem Satz „Man muß den Juden als Nation alles verweigern und ihnen als Individuen alles gewähren“ das Stichwort für eine an Assimilation gebundene Emanzipation. Ihm antwortet der antisemitische Abbé Maury, der mit dem traditionellen Argument kommt, die Juden hätten sich immer von ihren Gastvölkern „getrennt“ gehalten und außerdem hätten sie abgesehen vom Sabbat im Jahr noch 56 Feste mehr als die Christen, sie könnten daher weder Soldaten noch Handwerker sein. Mit ihren zwölf Milliarden (!) Hypotheken im Elsaß würden sie – sobald sie Grund erwerben dürften – zu Besitzern des halben Landes werden. Die phantastische Summe, die in keiner Weise der Realität entsprach, sollte dazu dienen, die Assemblee nationale zu überzeugen, daß man die armen Elsässer und Lothringer nicht in eine Notlage bringen dürfe. Die Juden seien nun einmal keine Franzosen. Damit markiert der Abbé Maury den Übergang vom klassischen zum „modernen“ Antisemitismus.

Anwälte der Judenemanzipation finden sich unter allen Parteiungen. Der Graf Clermont-Tonnerre ist Royalist, Robespierre, der Jakobiner, tritt für sie ein und die Liberalen Condorcet sowie Mirabeau. Die Mehrheitsverhältnisse sind aber unklar. Bei einer Abstimmung wird mit 408 zu 403 Stimmen ein Antrag zugunsten der Emanzipation der Juden abgelehnt.

Erst am 28. September 1791 kommt es endlich zur Annahme eines Gesetzes, das allen Juden in Frankreich die Bürgerrechte verleiht. Inzwischen hat die Flucht des Königs und seine Heimholung stattgefunden und das Massaker vom Champ-de-Mars, Graf Clermont-Tonnerre hat die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte öffentlich kritisiert, und der Abbé Grégoire ist im Kampf für die Rechte der Farbigen engagiert. Es war wohl eher eine Zufallsmehrheit, die schließlich zustande kam. Aber die Anwälte der Menschen- und Bürgerrechte – so schließt Badinter – konnten kaum zufrieden sein. Am Tag bevor sie die Gleichberechtigung der Juden erkämpft hatten, übertrug die Assemblée den kolonialen Versammlungen das „Recht, über den Status der Unfreien in ihrem Gebiet zu entscheiden“. „Der Teil der Menschheit, der am meisten litt, blieb Gefangener seiner Fesseln ...“