Wolfgang EbertFürs Vaterland

Ostern liegt in der Luft. Von Osterhasen und -eiern flankiert, schlendere ich auf unserem Luxusboulevard. Plötzlich bremst neben mir ein Golf, heraus springt Rudi Herzblatt, total gestreßt. Kunststück! Hat ja seit Wochen kein Auge zugetan. Alles nur wegen der DDR. Als Rationalisierungsexperte wird er drüben dringend gebraucht. Job-Killer in der DDR ist der Job seines Lebens. Eine harte Aufgabe für harte Männer.

Rudi klärt mich auf: Die DDR ist sterbenskrank. Damit wir sie ohne Beschwerden schlucken können, soll sie erst mal gesünder werden. Darum müssen sich ihre maroden Betriebe gesundschrumpfen. „Erst radikal abbauen, dann radikal aufbauen“, lautet Rudis Parole.

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Hinter Rudi, dem Pionier der ersten Stunde, verbirgt sich ein ganzes Team. Alle vital, dynamisch und natürlich knallhart! Uberflüssige

Mitarbeiter zu feuern ist nichts für zartbesaitete Naturen. Die „Eingeborenen“ sind dazu nicht hart genug. Heuern und feuern lernt man nur im Kapitalismus. Darum also dieser BRD-Export nach drüben.

Wenn das mal läuft, will man für diese Aufgaben Ex-Stasi-Typen in Sonderlehrgängen ausbilden. Ihre spezifische Eignung: Wegen ihrer dunklen Vergangenheit fressen sie ihren neuen Auftraggebern aus der Hand. Außerdem bringen sie die nötige Härte mit.

Vorerst aber müssen Rudi und seine Leute noch persönlich an die Front. Auch wenn einer wie er über 100 000 gekillte Jobs auf dem Buckel hat, ist ihm so was immer noch peinlich. Bloß keine Verzweiflungsausbrüche vor seinem Schreibtisch!

Natürlich ist er immer bemüht, den Opfern den Abschied vom Arbeitsplatz zu versüßen. Sein Motto: Ihr Jobverlust rundet die glorreiche Revolution vom 9. November erst richtig ab und dient so „Deutschland, einig Vaterland“. Dazu muß eben jeder sein Scherflein beitragen.

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