BUCH IM GESPRÄCH

Bücher haben nicht nur ihre Geschichte, manchmal machen sie auch Geschichte. Da richtet der Mannheimer Professor Hermann Weber, der westdeutsche Fachmann für die Geschichte des deutschen Kommunismus, zusammen mit anderen nichtkommunistischen Intellektuellen, eine Petition an die Sowjetregierung, endlich jene Hunderte von deutschen Kommunisten zu rehabilitieren, die ein Opfer der stalinistischen „Säuberungen“ geworden sind. Darauf erst greift die DKP das Thema auf; zögernd folgt die SED nach; doch beide Parteien versuchen, mit neuen Legenden das peinliche Kapitel zuzudecken. Schließlich wird Hermann Weber verunglimpft, dessen Schriften man „drüben“ insgeheim sehr genau studiert, nicht ohne ängstlichen Respekt, denn er hat als junger Mann zwei Jahre die Parteihochschule der SED besucht. Er setze Faschismus und Sozialismus gleich, wirft man ihm vor. Weber: „Für mich ist natürlich der Stalinismus gar kein Sozialismus!“ Er reicht ein Buch nach, um selber die „weißen Flecken“ in der Parteigeschichte zu dokumentieren, zählt fast 350 Opfer auf. Und nun endlich, im Sommer 1989, setzt unaufhaltsam die interne Diskussion bei den deutschen Kommunisten ein, läßt sich die unaufgearbeitete böse stalinistische Vergangenheit nicht mehr verheimlichen, auch nicht die feig-furchtsame Liebedienerei des stalinhörigen Exil-ZK.

Neue Einzelheiten werden bekannt – Weber muß die Hälfte seines Buches umschreiben oder ergänzen. Nach dem Fall der Mauer am 9. Navember kann er kurz vor dem Andruck seinem 22 Seiten langen Nachwort noch ein Postskriptum anfügen: Die befreite öffentliche Meinung in der DDR wird nun dafür sorgen, daß die Archive geöffnet und die Opfer Stalins uneingeschränkt rehabilitiert werden.

Den Kern der Geschichte hat Weber längst bloßgelegt: Mehr als sechzig Prozent der KPD-Funktionäre, die vor dem Zugriff der Gestapo in die Sowjetunion geflüchtet waren, sind von Stalins Schergen ermordet worden oder im Gulag umgekommen. Von den Mitgliedern des Politbüros der KPD hat Stalin mehr ermorden lassen als Hitler (fünf Namen stehen auf dem Blutkonto der Gestapo, sieben auf dem der GPU).

Weber hat im neuen Band insgesamt 466 KPD-Opfer des Stalinismus namentlich erfaßt: 315 Kurzbiographien von deutschen Kommunisten, die in der Sowjetunion ermordet oder zur Zeit des Hitler-Stalin-Paktes an die Gestapo ausgeliefert wurden oder verschollen sind; dazu die Lebensläufe von vierzig Überlebenden der Verfolgung. Außerdem hat Weber bei seinen Nachforschungen, die ohne Zugang zu den Geheimarchiven äußerst schwierig verliefen, die Namen von achtzig Politemigranten aufgelistet, über deren genaues Schicksal noch nichts bekannt ist. Von den Familienangehörigen der Ermordeten sind mindestens 31 in der Sowjetunion umgekommen.

Die SED hatte dieses finstere Stück der Parteigeschichte jahrzehntelang unter Tabu gestellt. Immerhin: Im Jahre 1970 wurden in einem Biographischen Lexikon zehn prominente Opfer des Stalinschen Terrors rehabilitiert (mittels verdeckender Formeln wie „unter falschen Anschuldigungen verhaftet“ und „in der UdSSR gestorben“). Aber kaum hatte Weber dieses Ereignis begrüßt, wurde das Buch zunächst einmal auf Eis gelegt; als man es später doch auslieferte, geschah dies ohne Aufhebens. Noch ein paar Monate vor dem Ende der SED brachten ihre Ideologen es fertig, in der Biographie eines der Opfer eben diesen Opfergang zu verschweigen. Es geht nicht nur um Funktionäre aus dem Politbüro und dem Zentralkomitee oder Abgeordnete des Reichstages und der Landtage. Weber und nunmehr auch wachgerüttelte Historiker der DDR fragen, was denn mit den nach Rußland geflohenen 200 KPD-Anhängern jüdischer Herkunft geschehen ist? Niemand weiß bis heute, wie viele der deutschen Arbeiter in der Sowjetunion – ehemalige Arbeitslose, die in Rußland ihr Heil gesucht hatten – umgebracht wurden. Von 135 emigrierten Künstlern sollen siebzig Prozent verhaftet worden sein. Die bekannteste unter ihnen ist wohl Carola Neher (die „Polly“ aus der Dreigroschenoper): Ihr Mann wurde 1937 erschossen, ihr Sohn verschleppt; sie selbst sollte den Nazis ausgeliefert werden, starb dann aber in einem Lager an Typhus. Unbekannt ist auch immer noch das Schicksal vieler jener unglücklichen Häftlinge, die Stalin Hitler überließ.

Doch nun hat Weber mit seinem Buch – es erscheint demnächst als Lizenzausgabe in Ost-Berlin – erreicht, daß die Sowjetunion ihm und anderen Forschern ihre Archive öffnen will: Historiker des Moskauer Instituts für Marxismus-Leninismus vereinbarten mit westdeutschen Kollegen ein gemeinsames Forschungsprojekt. So werden vor der Sonne der Glasnost allmählich die letzten weißen Flecken dahinschmelzen.