Wenn man den Politikern glauben darf, sind wir eben in eine Dekade des Schulterschlusses eingetreten und werden im europäischen Haus als siamesische Zwillinge und Drillinge bald kaum noch durch die Türen passen. Da trifft es sich gut, daß der neue Roman von Markus Werner die Kunst der kalten Schulter vorführt, die sich allen Vereinnahmungen und Unzertrennlichkeiten widersetzt.

Das Buch biedert sich sowenig an wie seine Vorgänger „Zündels Abgang“ (1984) und „Froschnacht“ (1985). Vielmehr ist es ein Stück Literatur, in dem der Begriff Abschnitt beim Wort genommen wird und der Leser die Zwischenräume selbst zu überbrücken hat. Das beginnt schon nach ein, zwei Hüpfern im Kopf Spaß zu machen, und die Beweglichkeit, die man sich so antrainiert, läßt die Stagnation und Versumpfung der Welt, die Werner beschreibt, um so deutlicher hervortreten.

„Es geht nicht weiter“, sinniert die Hauptfigur, der Maler Moritz Wank, „weil alles immer weitergeht. Mariä Himmelfahrt ist vorüber, schon bald beginnt die Wild-Saison, Blut- und Leberwürste tauchen auf, und es wird Weihnachten. Im Frühling gibt es Spargeln, im Sommer Fliegen, im Herbst erklärt man das Braunkehlchen oder den Wiedehopf oder den Flußregenpfeifer zum Vogel des Jahres, dann kommen die Nobelpreise.“ Wank ist ein später Nachfahre von Büchners Lenz, nennt seinen Lebenslauf eine permanente „Gleichgewichtsstörung“, eckt an bei seiner verspießerten Umwelt von „lauter Ohnmächtigen, lauter Bedrückten“ und hat auch als Künstler vor der „Fremdheit der Dinge“ zu kapitulieren begonnen.

Die einzige Wärmequelle im kaltschultrigen und kaltschnäuzigen Habitat dieses Unbeholfenen, der sich in Zigarettenautomaten verfängt und mit dem Bepinseln von Schaufensterrequisiten über Wasser hält, ist seine Freundin Judith. Markus Werner glücken bei der Schilderung ihres keineswegs problemlosen Zusammenlebens Szenen von behutsamer, pastellener Intimität. Aber selbst diese Augenblicke der Schonung und des Verschontseins werden durch einen Unglücksfall zunichte Auch Judith zeigt Moritz Wank schließlich die kalte Schulter – in jener Leichenhalle, in der der Roman endet. Untheatralisch endet, wohlgemerkt, und unsentimental. Nicht Werther, sondern Lenz: „Ein Weiterleben schien ihm sinnlos, aber möglich. Die Vorstellung, aufrecht durch den Nebel zu gehen, in dem er schon immer gewesen war und der durch Judiths Fehlen nur dichter werden würde, kam ihn sogar verlockend vor, er wußte nicht warum.“

Der Leser ahnt die Antwort. Dieser Mensch, durch dessen unverwandte, verwundert-naire Maleraugen er mitgeblickt hat, sieht und erkennt gerade jenes Naheliegende, das seine angeblich vorausschauenden Mitmenschen nicht wahrhaben wollen. Deshalb das ewige Hinterherhinken, das Lebensuntüchtige und Tölpelhafte, diese Gestalt gewordene Anstößigkeit für Pragmatiker und Schulterschließer, von denen einer in Werners Roman stolz herausposaunt, jetzt werde ein Papier verabschiedet, „das Fleisch an den Knochen hat“.

Das ist Schlachtersprache, die die Zukunft in die Pfanne haut und den Stiernackigen eigen ist. Und die Wanks, die Wankenden und Schwankenden? Wehrlos, allerdings. Aber in ihrem Stolpern auch für den Treffsicheren so leicht zu verfehlen, in ihren Stürzen, wie oft für tot liegengelassen.

Ulrich Horstmann

  • Markus Werner:

Die kalte Schulter

Roman; Residenz Verlag, Salzburg 1989; 157 S., 28,– DM