Von Sibylle Zehle

Die fünfziger Jahre waren vorbei. Einen Paukenschlag gab es nicht, aber in Stuttgart eine „Salome“ mit Anja Silja. Es war die erste „Salome“ unseres Lebens, und die Sache mit dem Kuß und dem Kopf auf der Schüssel fanden wir peinlich. Anja Siljas knappen Bikini nicht. Bei den Erwachsenen war es seltsamerweise umgekehrt.

Unter der Schulbank gingen Artikel über Anja Silja von Hand zu Hand. Anja Silja in der Constanze. Sie posiert im Mini vor dem Bayreuther Festspielhaus. Sie winkt aus ihrem „feuerroten Sportcabriolet“. Eva fährt mit 160 Sachen, stand darüber, oder, die dümmste Überschrift vergißt man nie: Der steile Zahn vom Lohengrin.

Wie eine ältere Schwester machte sie uns Mitte der Sechziger alles vor. Die große Liebe, die lange Mähne, der kurze Rock. Ich bin die Silja und füge mich nicht ein. Das gefiel uns. So wollten wir auch sein.

Auf der Bühne sahen wir sie Jahre später wieder, als Wozzecks wilde Marie, als gierige Lulu, und schließlich, leibhaftig, auf einem Empfang an Hamburgs Elbchaussee: Anja Silja, nun aschblond, eine etwas schmallippige Hanseatin, hochgewachsen und sportlich herb, drei blonde Kinder, ein Haus in Hochkamp, und den Dirigenten Christoph von Dohnanyi, Bruder des damaligen Bürgermeisters, an der Seite. Nur das laute Lachen unterschied sie von den anderen reinseidenen Gattinnen am Buffet.

Warum mit einem Mal so gediegen hanseatisch, will ich sie jetzt fragen, aber die Frage ist noch gar nicht richtig formuliert, da prustet sie schon: „Ich, hanseatisch?“ voller Protest, „da haben Sie aber schlecht hingeguckt. Nordisch vielleicht, das ist aber auch das einzige, das ich gelten lasse, man hält mich oft für eine Skandinavierin wegen der Statur. Aber ich bin Berlinerin, gerne Berlinerin!“

Sie streckt die langen Beine aus, vergräbt die Hände in den Hosentaschen und schaut etwas irritiert zu dem Photographen hin, der sofort zu arbeiten begonnen hat. Kaum mehr als zwei Stunden hat sie schließlich geschlafen in dieser Nacht. „Furchtbar sehe ich aus nach dieser Premiere. Aber das war ja denn auch ein ganz schöner Ritt übern Bodensee.“

Die Sängerin Anja Silja hat ihr Debüt als Regisseurin gegeben, hat „Lohengrin“ inszeniert an der Brüsseler Oper, dem großen Théatre Royal de la Monnaie. Und dort sitzt sie jetzt auch im Intendantenzimmer, in dunkelgrüner Seidenhose und gelbem Hemd („Alles Waschseide, wahnsinnig bequem“), und ist aber auch nicht im geringsten darum bemüht, in wohlgesetzten Bildern Erklärungen für ihre Bühneneinfälle nachzureichen. Überrumpelnd natürlich, fast burschikos, erzählt sie drauflos: „Nach so einem Abend hat man ja überhaupt kein Gefühl, ob gut oder schlecht, man ist fixiert auf ein paar Sachen, wie auf einen Pickel im Gesicht, und vergißt den Rest darüber, ich bin in einem solchen Neuland, ich könnte im Moment noch nicht mal sagen, ob ich so was noch mal machen will...“

Eigentlich hatte sie Lust gehabt, in Brüssel die Ortrud zu singen, das böse Weib, Lohengrins machtgierige Gegenspielerin. Aber die Rolle war schon vergeben, und Gérard Mortier meinte: Dann mach doch einfach die Regie. Der phantasievolle Brüsseler Noch-Intendant und Salzburger Karajan-Nachfolger Mortier hat das natürlich nicht einfach so dahingesagt. Er hatte eine „Frauen-Produktion“ im Hintersinn, ein Frauenteam für Lohengrin. „Aber da hab’ ich mich quer gestellt“, sagt die Silja schroff, „solche Emanzen-Veranstaltungen schätze ich nicht. Was für ein Blödsinn: Ich bin emanzipiert seit meiner Geburt.“

Anja wurde, nach der Scheidung ihrer Eltern, beide Schauspieler, von ihrem Großvater erzogen, einem Musikhistoriker und Wagner-Maniac. „Wagner, Wagner. Für nichts anderes gab es Platz im Haus. Noch heute interessiert mich Mozart nicht. Christoph wird ganz ärgerlich, wenn ich so was sage.“

Ein Vater kommt in diesem Kinderleben voller Konzert-Auftritte und Oktaven-Rekorde nicht vor, das Wagner-Wunderkind wird allein vom Großvater erzogen und ausgebildet – immer auf der Flucht vor dem Jugendamt. „Eine Schule habe ich nie gesehen.“

Und nie den Vater gesucht? „Doch, mit zwanzig, da hab’ ich gedacht, jetzt will ich doch mal sehen, wer mein Vater ist. Zu blöd“, lacht sie mit ihrer hohen, eher harten Stimme, „ich wollte einfach mal sehen, wie der aussieht.“ Sie schaute im Hamburger Telephonbuch nach, forschte beim Einwohnermeldeamt, rief schließlich eine Nummer an: Hier ist Ihre Tochter!

„Es gab eine ewig lange Pause in der Leitung, bis er meinte, angesichts der verwandtschaftlichen Beziehung sei das Du vielleicht eher angebracht. Das war seine erste Reaktion.“ Sie lacht. „Komische Situation, nicht? Und dann haben wir uns im Café getroffen, er wußte genau von mir, ich hatte damals ja schon ganz große Erfolge. Später sind wir dann auch mal nach Travemünde gefahren, und meine einzige Sorge war, die Leute könnten ihn an meiner Seite für meinen Freund halten. Man hatte ja kein Vatergefühl...“

Es entsteht eine Pause. Und sie sagt plötzlich, ganz unvermittelt: „Ich hab’ ihn nicht kopiert, oder? Nichts, wo man sagt, das hat er auch gemacht, nicht? Von Anfang an habe ich zu meiner Bühnenbildnerin gesagt, sie könne mir alle Farben anbieten, bloß kein Blau.“ Sie spricht natürlich von Wieland, Wieland Wagners blauer Inszenierung. Noch heute läßt sie neben dem 1966 gestorbenen Richard-Wagner-Enkel kaum einen anderen Regisseur gelten. Wahrscheinlich wird sie nie frei genug sein, ihn auf der Bühne zu zitieren, da ist sie ihm noch zu nah, gerade in Brüssel, wo alles angefangen hat. Hier hat sie 1960, gerade 21 Jahre alt, ihre erste Inszenierung mit Wieland erlebt – außerhalb der betulichen unterfränkischen Gralsstatt. Hier haben sie das erste Mal zusammen gewohnt, das heimliche Liebespaar, Tristan und Isolde im Plaza-Hotel.

Bei Wielands Tod war sie 26 Jahre alt. Danach hat die junge Wagner-Heroine das Bayreuther Festspielhaus nicht mehr betreten. Auch nicht, als ihr Mann Christoph von Dohnanyi einen ganz neuen Neu-Bayreuther Stil besichtigte, den „Ring“ des Franzosen Patrice Chereau. „Ich bin nicht ins Haus gegangen“, sagt sie knapp. „War nur am Grab.“ Manche Wagner-Opern könne sie eben nicht mehr ertragen. Tannhäuser zum Beispiel hat sie seit über zwanzig Jahren nicht mehr gehört. Und Tristan? – Sie guckt auf. „Ich hab’ die Kinder reingeschickt. Selber will ich’s nicht mehr hören.“

Wie inszeniert man so Lohengrins Wunder? ... mit seinem plötzlichen innerlichen Schluchzen, seinem ganzen überschwenglichen und unersättlichen Rausche ... (so überfiel es Hanno Buddenbrook). „Das geht“, sagt sie rasch. „Da habe ich eine neue Perspektive gefunden.“

Vielleicht hat sie auch ein wenig sich selbst gefunden. So jung und blond und hochgewachsen wie die Brüsseler Elsa (Tina Kiberg) habe die junge Silja auf der Bühne gestanden, vor 28 Jahren in Bayreuth, erinnern sich die alten Wagner-Kämpen. Und sie sagt, gar nicht verschämt: „Ja, die Tina Kiberg hat eine schöne Stimme, schöne Haltung, sie erinnert mich auch sehr an mich. Sie ist nur etwas weniger elegant, sie hat diese merkwürdig skurrilen Bewegungen, die ich aber sehr richtig finde für diese Rolle.“

Dennoch hat man das Gefühl, die Silja habe in ihrem „Lohengrin“ keine Geschichte von Elsa erzählt, nicht Elsas Traum, sondern Lohengrins Scheitern, die bittere Einsamkeit eines Außenseiters, eines Besonderen, der keinen Weg findet in die normale Gesellschaft. „Genau das wollte ich.“ Sie richtet sich auf. „Deshalb kommt er bei mir auch nicht als schimmernder Ritter vor. Ich wollte keinen strahlenden Märchenprinzen. Lohengrin ist Wagners tragischste Figur überhaupt.“

Bei den Proben spürte Anja Silja auf der anderen Seite des Orchestergrabens dünnere Luft. Jahrzehntelang habe sie verzweifelten Kollegen, die mit einer Rolle, einem Regisseur nicht zurechtkamen, mit Ratschlägen weitergeholfen, ganz freundschaftlich, und nun saßen dieselben Leute stumm da: Mal abwarten, was die will. „Das ist schon irre komisch ... Dauernd wollen die Sänger gelobt werden, aber keiner kommt auf den Gedanken, daß ein Regisseur auch mal gelobt werden will.“

Sie spricht, als sei sie nach fast vierzigjähriger Bühnenerfahrung plötzlich vom Schüler zum Lehrer geworden. Bisher habe sie auf der Bühne immer mitgeblödelt, geflachst, Quatsch gemacht. Jetzt sieht sie, wie störend das ist. „Man wird wahnsinnig, wenn die Sänger nicht konzentriert sind.“

Tatsächlich waren Disziplin und Perfektion in Siljas Leben immer wichtig. Sie ist eine herzhaft zupackende Hausfrau und Familienmutter, die das Hin und Her zwischen Cleveland (dort leitet ihr Mann das Cleveland Orchestra) und Hamburg (dem zweiten Wohnsitz) tapfer meistert. Nie einsam dabei? „Doch“, kommt es rasch. „Und oft der Wunsch, genau da zu sein, wo man nicht ist.“

Bei Depressionen empfiehlt sie Malerarbeiten, zum Beispiel das Anstreichen von Zimmerwänden. Sie ist das, was man „praktisch“ nennt – und von einem verblüffenden politischen Desinteresse. Es ist leichter, mit der Berlinerin über Gartenarbeit zu reden als über das neue Berlin, das interessiert sie nicht sonderlich, und genau so sagt sie das auch, selbstbewußt.

Noch immer singt die Silja. Ist eine kraftvolle Kassandra, eine packende Küsterin in „Jenufa“, eine anrührende Emilia Marty aus Janáčeks „Die Sache Makropoulos“. Der Rolle der schönen Emilia, die sich selbst überlebt hat, fühlt sie sich ausdrücklich verwandt. „Weil ich schon so lange bei der Bühne bin, schon so was Altes bin aus vergangenen Zeiten.“