Russischer Nationalismus
Diktatur mit Thron und Kreuz
Die Pamjat-Bewegung gewinnt immer mehr Anhänger / Von Alexander Furman
Wenn der große und massige Mann, immer flankiert von zwei Leibwächtern, die Bühne betritt, herrscht einen Augenblick lang völlige Stille, bevor stürmischer Applaus aufbrandet. Er tritt ans Mikrophon, hebt die Arme zu einer Siegerpose, ballt die Fäuste und sagt: „Viele wünschen meinen Tod. Aber ich werde bis zum Ende kämpfen — für Rußland!" So beginnt Dmitrij Wassiljew seine Rede.
Er ist Führer und Sprachrohr der Pamjat, der russisch-nationalen Bewegung in der Sowjetunion. Der ehemalige Photoreporter und Buchillustrator ist mittlerweile eine Art lebende Legende in der nationalistischen Szene des Riesenreiches. Kassetten mit seinen Ansprachen kursieren im ganzen Land, in den Metropolen Moskau und Leningrad, wo die Pamjat regelrechte Stützpunkte unterhält und wo auch von geheimen Waffenlagern gemunkelt wird, wie auch im fernen Irkutsk oder Nowosibirsk. Auf den Schwarzmärkten sind Wassiljews Kassetten nur noch zum Preis von fünfzehn Rubel zu kaufen — ein durchschnittlicher Tagesverdienst.
Seine Reden folgen stets demselben Schema. Er bietet seinem Publikum eine berechnete Mixtur aus Untergangsprophetie und politisch gewürzter Heilsverkündung, mit religiösen Untertönen und derb gestrickten Ausflügen in die ruhmreiche Militärhistorie Rußlands. Den baldigen Untergang Rußlands prophezeit der Redner, der vorzugsweise in folkloristischer Tracht und schwarzen Stiefeln auftritt, weil der Einfluß der dekadenten westlichen Massenkultur zunehme. Die Sowjetunion verliere nunmehr ihre Vormachtstellung in Osteuropa. Zwei Stunden lang variiert Wassiljew mühelos sein Grundthema, bis er es schließlich in einem donnernden Aufruf gipfeln läßt: „Rußland, erhebe dich!"
Rußland erhebt sich. Die Pamjat, 1985 gegründet, artikuliert das unterschwellige Mißbehagen an Gorbatschows Reformkurs. Die Versorgungslage verschlechtert sich, nationale Konflikte brechen allerorten auf, aus den Ansätzen der Demokratie droht ein Chaos zu werden. Die Bevölkerung ist unzufrieden und ratlos. Diese Stimmung nutzt Pamjat aus und gewinnt Tausende von neuen Anhängern. Die Bewegung hat mittlerweile so viele Mitglieder, daß die ehemals bescheidene Organisation^ angeblich zum Ziel des Denkmalschutzes geschaffen, sich im vorigen Jahr stolz zur National- Patriotischen Front umbenannte. Ein Vorstand bildete sich, in dem sowohl die Ideologen der nationalistischen Bewegung als auch die Führer der militanten Strömungen vertreten sind.
Unter ihnen spielt Igor Sytschow, ein Kunstmaler großformatig auftrumpfender Aktbilder und naher Freund von Wassiljew, die erste Geige. Er betreut die paramilitärischen Truppen der Pamjat. Die ihm ergebenen Jugendlichen steckte er in die traditionelle Uniform der Zarenoffiziere: grüne Joppe und Hose, rote Streifen und Portepee. Als Sytschow im März eine Kundgebung auf dem Roten Platz in Moskau organisierte, schwenkten die Pamjat-Anhänger die russische Zarenfahne, und Wassiljew wetterte über die Verschwörung der Freimaurer und Juden gegen das russische Volk.
Der latente Antisemitismus, der in Rußland existiert und den Pamjat aktiv schürt, taugt besonders gut, die Zukunftsängste in ein kompaktes und gut bekanntes Feindbild zu pressen, Im Grunde tritt Pamjat für eine Diktatur ein. In seiner Erklärung betont der Vorstand der Patriotischen Front, das russische Volk brauche einen starken Führer; denn „ein Führer macht die Nation gesund und vereinigt sie für ein höheres Ziel". Der Pluralismus hingegen sei des Teufels, ebenso eine Zeitverschwendung wie eine Demokratie, die außerdem den Trennungswillen der sowjetischen Völker stärke. Hingegen müsse die Verfügungsgewalt des Zentrums, mit einem Wort Moskaus, gefestigt werden, koste es, was es wolle.
Um sich aber von der Stalinzeit abzugrenzen, erklärt der Pamjat-Messias Professor Jemeljmow die Juden als die eigentlichen Schuldigen des stalinistischen Blutbades. Jemeljanows Buch „Entzionisierung", während eines Aufenthaltes in einer psychiatrischen Klinik verfaßt, steht derzeit auf der Bestsellerliste des Moskauer Schwarzmarktes. Dabei ist nicht nur Gorbatschow, Jemeljanow zufolge, unter den Einfluß von Zionisten und Freimaurern geraten, sondern auch westliche Politiker, wie Jimmy Carter, Henry Kissinger und Helmut Kohl, außerdem die Eurokommunisten. Auch das Christentum bezeichnet Temeljanow als „esperantoisierten Judaismus .
- Datum 4.5.1990 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.05.1990 Nr. 19
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