Verwehte Revolten
Zwei Jugendwerke des jugoslawischen Erzählers Danilo Kis Von Karl-Markus Gauß
Ein großer europäischer Erzähler, der im letzten Oktober verstorbene Jugoslawe Danilo Kis ist im deutschen Sprachraum erst spät zu gebührendem Ansehen gekommen. Nachdem eines seiner schönsten Bücher, der Roman „Garten, Asche", schon 1968 in einer vorzüglichen Übersetzung von Anton Hamm erschienen war, haben sich in den folgenden fünfzehn Jahren um Danilo Kis bei uns weder die Verleger noch die Kritiker verdient gemacht: So ist seine musikalische und virtuos anspielungsreiche Prosa, die auch durch den Ernst besticht, mit dem sie „große Themen" und bedeutsame Stoffe der Epoche abhandelt, der deutschsprachigen Leserschaft die längste Zeit vorenthalten worden.
Daran hätte sich noch fünfzehn Jahre nichts geändert, wäre es nicht gelungen, sein Werk auf dem Umweg über Frankreich zu uns zu bringen, wo Kis in einer Art freiwilligem Exil leV. i und als dichterischer Zeuge Mitteleuropas hochangesehen war. Als könne man sich die Mühe der Beschäftigung mit ihnen getrost ersparen, solange sie nicht anderswo mit dem Gütesiegel der Europareife ausgestattet worden sind, werden die Künstler des finsteren, des unübersichtlich verwinkelten Balkans bei uns in der schlechten Regel eben erst zur Kenntnis genommen, wenn sie im Französischen schon heimisch geworden sind.
Freilich, verspätete Entdeckung pflegt sie dann nicht selten vor kritischer Auseinandersetzung zu schützen, denn haben wir sie erst einmal in unseren Kanon aufgenommen, soll an unseren Entdekkungen nichts zu nörgeln sein. So gab es, als im Herbst 1989 die „Frühen Leiden" erschienen, weitum nichts als rühmende, ja preisende Rezensionen, die doch kaum diesem Kindheitsbuch, einer locker zum Roman gebundenen Sammlung von zwanzig recht unterschiedlichen Erinnerungsstücken, selber gelten konnten; eher schon sollte in den stereotypen Huldigungen die Schuld jenes Versäumnisses abgetragen werden, da« da ein großer Dichter allzu lange gar nicht wahrgenommen worden war.
Nun ist Danilo Kis aber wahrlich zu groß gewesen, als daß seine weniger gelungenen Werke einem gönnerhaften Wohlwollen ausgesetzt werden dürften. Darum sei es betont: Weder „Frühe Leiden" noch der jetzt nachgereichte Erstling von Kis, der übermütige Adoleszenten-Roman „Die Dachkammer", sind bedeutende Werke der europäischen oder auch nur der jugoslawischen Literatur. Beide Bücher haben ihren Reiz in wunderbaren Einzelheiten und ergreifenden Anekdoten. Dennoch liegt der Wert beider Frühwerke für uns weniger in ihnen selbst, als in den oft überraschenden Durchblicken, die sie aufs Gesamtwerk öffnen.
Die monomane Spurensuche, deren ästhetisclier Extrakt der „Familienzirkus" ist, gilt damit zw;ierlei, das zusammengehört, ohne doch einfach in eins zu fallen: Sie gilt der eigenen Kindheit, und sie gilt der zerstörten Versuchsstation Pannonien, in der das Zusammenleben verschiedener Völker, Religionen und Kulturen erprobt wurde. Weniger als in „Garten, Asche" und weniger als im düstergrotesken Abgesang der „Sanduhr" war es Kis jedoch in „Frühe Leiden" darum zu tun, die Spannung zwischen zwei Welten zum Schwingen zu bringen: zwischen der kleinen, überwältigenden Welt der Kindheit und der großen, überwältigenden des mitteleuropäischen Judentums.
Da ist etwa der Zirkus über Nacht wieder IUS dem Dorf verschwunden, und das Kind, jener Andreas Sam, auch A. S. oder Andi genannt, dem wir als Alter ego von Danilo Kis schon in „Garten, Asche" und „Die Sanduhr" begegnet sind, steht traurig und staunend vor den Spuren, die das einzige sind, was ihm vom Zirkus noch geblieben scheint: „die hellen Kronenkorken von Bierflaschen verstreut, wie Blumen mit gezacktem Raad, aufgeweichte Zigarettenstummel, abgenagte Äprel, schon von Rostpilzen befallene Fruchtkerne, zertretene Eistüten.. ." Und so geht das fort und fort, mit bewundernswerter Energie und liebenswürdiger Akribie zählt Kis auf, was jener Zirkus der Kindheit alles zurückgelassen hat; allein, es entsteht daraus kein neues Bild, und auch das alte der Kindheit ersteht in der poetischen Vergegenwärtigung nicht wirklich wieder auf — einftch deswegen nicht, weil das scharf erfaßte Detail Her groteskerweise nichts Spezifisches mehr freigibt: ob dieser Zirkus in Friesland mitten im schönsten Frieden oder in Pannonien kurz vor der größten Katastrophe stand — zurück bleiben abgenagte Äpfel, die auf die nämliche Weise dahinfaulen . .
Natürlich blitzt allemal subtile Erzählkunst in den Episoden und Etüden der „Frühen Leiden" auf; Erinnerungsbild reiht sich an Kindheitsanskdote, zärtliche Anrufung abgestorbener Sehnsüchte an skurrile Berichte unterlassener Jugendsünden, „das Zigeunerzelt unserer Irrfahrten" wird beschworen und „das traurige Erbe meiner Kindheit". Und in Abschnitten wie „Der Pogrom", „Aus dem Samtalbum" oder „Die Äolsharfe" läßt Kis mit traumwandlerischer Sicherheit im unverwechselbaren Detail immer wieder den großen Zusammenhang aufleuchten — ohne daß das prägnante Detail damit zum Symbol verkäme. Solche poetisch bezwingenden, geradezu bestürzenden Momente zeigen indes nur um so deutlicher, daß in „Frühe Leiden" der Zusammenhang der kleinen mit der großen Welt, der in der Erinnerung idyllisch anmutenden Kindheit mit dem in den Sog der Vernichtung geratenen mitteleuropäischen Judentum öfter behauptet als tatsächlich literarisch gestaltet wird.
Danilo Kis war gerade 24 Jahre alt, als er „Die Dachkammer" schrieb, ein „satirisches Poem", wie der in der deutschen Ausgabe verschwiegene Untertitel des Originals lautet. Es ist ein ungestümes, ein freches Jugendwerk, in dem Kis der Boheme seine übermütige Reverenz erweist, nicht ohne satirische Schärfe gegen den Tribut, den er selbst und seine beiden Helden dieser Lebensform in der „Dachkammer" entrichten.
Orpheus, ein junger Dichter, und sein Freund Igor, ein Sterngucker, haben sich in die schimmelige Dachkammer eines übervölkerten Mietshauses zurückgezogen, vorgeblich, um über die „Unsterblichkeit der Seele", das „Vaterland", den „Unterschied zwischen Kultur und Zivilisation" und die Alternative „Hamlet oder Don Juan" nachzudenken. In Wahrheit jedoch ringen die beiden keineswegs um derlei „Lebensprobleme", von denen sie sich eine ganze Liste zusammengestellt haben; vielmehr vergnügen sie sich mit der Betrachtung der Gestirne, mit weiten Reisen durch Phantasieländer und hunderterlei Plänen, zu denen auch der zählt, ein Gasthaus zu eröffnen, dessen Speisekarte das „Ei des Kolumbus" kennt, wozu als Wein die „Slawische Legende, bitter" zu empfehlen wäre.
Natürlich fehlt, wo Orpheus in der schäbigen Kammer unter dem Dache singt, auch eine Eurydike nicht, aber sie bleibt nur kurz, und aus der „Dachkammer" wird doch kein richtiger Liebesroman. Schließlich verläßt der werdende Dichter den düster-anheimelnden Ort seines Heranreifens, steigt von der Mansarde, in der er „wie auf einem Stern gelebt hat", zu den unteren Stockwerken des profanen Lebens nieder und nimmt zum ersten Mal vom Schicksal seiner Mitbewohner Notiz.
- Datum 4.5.1990 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.05.1990 Nr. 19
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