ZDF, Sonntag, 13. Mai, 21.45 Uhr: „Selbstversuch“ Fernsehfilm nach einer Erzählung von Christa Wolf

In der phantastischen Erzählung von Christa Wolf läßt eine junge Wissenschaftlerin an einem gentechnischen Institut sich im Selbstversuch vermännlichen und wieder verweltlichen. Für eine Zeit ist sie Spion im Hinterland des Gegners“, erfährt sie sich als Mann und führt darüber Protokoll, Dieses Protokoll steckt voller Vorwürfe; der „Gegner“ ist die Männerwelt im allgemeinen, in der frau sich wie ein Mann gebärden müsse, um Erfolg zu haben, in der es gewalttätig und gefühllos. zugehe. Was das Labyrinth dieses Instituts mit seinen Affenstillen und seiner nüchtern-brutalen Atmosphäre bestens illustriert.

Die Vorwürfe (in der Erzählung von 1972) schmecken nach dem Jahrzehnt, in dem sie entstanden, dem Jahrzehnt nach dem Mauerbau, in welchem eine sozialistische Ideologie des wissenschaftlichen Zeitalters triumphierte wie Neonleuchten im Keller. Die zu Versuchszwecken eingesperrten Affen sehen wir rebellieren; die eingesperrten Menschen sehen wir auf dem Gipfel ihrer Anpassungsfähigkeit und im Zenit ihrer Selbstverleugnung. Das Linkische, Gekünstelte dieser Wissenschaftsmenschen erscheint erst als Mißgeschick der Regie, dann als virtuose Umsetzung des Stoffs: Sie baumeln wie Marionetten am Willen des Großmeisters und Chefs.

Dem DDR-Zuschauer dürfte es leichter fallen, eine tiefere Dimension dieser Filmerzählung zu erfassen, die auf den ersten Blick wie eine Frauenrechts-Geschichte ausschaut. Christa Wolf fragt danach, wieweit ein Mensch sich wandeln, sich anpassen kann an eine durchrationalisierte Welt, in der alles und nichts stimmt, die grundverkehrt ist und so wunderbar durchdacht. Wo in einem abgeschlossenen Areal, unter Laborbedingungen, der Neue Mensch geformt wird. (Nur Männer – behauptet die Geschichte – können sich in solche Schöpfungsphantasien hineinsteigern, Frauen haben sie nicht nötig, weil sie gebären können.)

Daß all die Hochstraßen und Wohnsilos, die die Kamera in wunderbaren Abendlicht-Bildern anschaut, als wären es schon Ruinen, daß alles ehrgeizige Getue dieses grell erleuchteten Zeitalters aus einem Manko herkommt, daß auch die Männer daran verzweifeln, weil es nur Ersatz ist für das, was ihnen fehlt – das lernt Johanna. Und lernt es doch nur, weil sie den großen Chef des Instituts liebt, verehrt, anbetet, um seinetwillen Mann wird, um ihm als Frau näherzukommen.

Die Brecht-Enkelin Johanna Schall spielt die Versuchsperson, die muntere, die schelmische Studentin, die erschrockene, beflissene Wissenschaftlerin und diesen jungen Mann, der als Person, als Ich zusehends erlischt. Der am Ziel der endgültigen Umwandlung angelangt ist als ein altersloser Niemand, der immer schweigsamer wird und sich irgendwann sogar von seinem Protokoll verabschiedet: Wenn ihm der Gebrauch von Ja und Nein wieder möglich sein wird, will er wieder reden.

Der Film siedelt die Handlung im Irgendwo an: West-Autos, Ost-Telephonzellen; alles Äußere soll davon ablenken (der Film ist vor der Revolution entstanden), daß dies gar keine Vision ist. Der Stoff, der Ton, dieses Gesicht – auch das Versteckspiel, das der Film mit seinen Zensoren treibt –, das ist DDR-Geschichte vom Besten. Martin Ahrends