Für die Bürger der DDR muß sich das Grundgesetz der Bundesrepublik, unter dessen Dach sie streben, wie ein Märchen lesen. Dort stehen Sätze, von deren Geltung sie bislang nur träumen konnten: „Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.“ – „Die Wohnung ist unverletzlich.“ Selbst wo die Verfassung es erlaubt, diese Grundrechte einzuschränken, wahrt sie doch ihre Substanz. Der Staat darf damit nicht machen, was er will. Es wird also warm sein und wohnlich unter einem solchen Dach.

Wir sollten den DDR-Bürgern – und auch den unseren – endlich klarmachen, daß der schöne Schein trügt. Die Geheimnisse des Brief- und Telephonverkehrs gelten in der Bundesrepublik seit langem nur unter dem Vorbehalt, daß sie nicht von Geheimdiensten um der Staatssicherheit oder Strafverfolgern um des Erfolges willen durchbrochen werden. Nun, just vor dem Beitritt der DDR, haben sich bundesdeutsche Dachabdecker auch die Wohnung vorgenommen. Sie soll für Geheimagenten der Polizei zugänglich und für Lauschangriffe selbst gegen Unverdächtige geöffnet werden. Noch ist es nicht soweit. Die Bewohner des westlichen Hauses wären aber doch sehr dankbar, wenn Stasi-erfahrene Mitbürger aus dem anderen Teil Deutschlands sie in ihrem Bemühen unterstützen würden, der Obrigkeit klarzumachen, daß ein Staat Bürgerrechte nicht verteidigen kann, indem er sie fast zur Gänze abschafft.

H. Sch.