Von Martin Hielscher

Laederach – so nennen wir ein wortreiches Textverarbeitungssystem im besten Mannesalter – hatte in seiner Basler Steckdose die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um. aus frisch erhaltenen Kritiken einen literarischen Amoklauf zu dichten. Sein Geschäft war eben vollendet; er legte die Disketten in das Futteral zusammen und betrachtete seine Arbeit mit Vergnügen, als der Gärtner hinzutrat und über dem grauenhaften Fleiße des Herrn die Fassung verlor.

Was, schon wieder 506 Seiten? schrie der Gärtner, indem er sich auf der Stelle weiterzugehen anschickte, ohne zu ahnen, daß er bereits zur Figur im neuen Roman Laederachs geworden war.

„Emanuel“ – Untertitel: „Wörterbuch des hingerissenen Flaneurs“ – heißt das aus sechs Teilen bestehende jüngste Werk des Schweizer Autors und Jazzmusikers, der erst vor eineinhalb Jahren einen 400-Seiten-Prosaband „Vor Schrecken starr“ und den 280 Seiten umfassenden Text seiner Poetik-Vorlesungen an der Grazer Universität, „Der zweite Sinn“, auf den Weg gebracht hat. „Emanuel“ ist wiederum eines jener hochartifiziellen „Totalbücher“, mit denen Laederach in Form methodologischer Abenteuerromane das „ganze Leben“ des ästhetischen Bewußtseins entfesselt und durchexerziert.

Im ersten („Begehren“) und letzten („Anmutung“) Teil des Romans (den beiden gelungensten Kapiteln) räsoniert Emanuel wie Laederach in seinen Vorlesungen über das Schreiben, die Sprache, die Konstruktion von Erzählungen und widerlegt wutentbrannt schon im voraus sämtliche bislang erhaltenen und noch kommenden Kritiken. Er spaltet sich in mehrere Ichs, wechselt auch mal das Geschlecht und erlebt als „Emanuela“ einen Kitschroman, durchkämpft die von einem „Verhältnis erwiderter Abneigung“ gekennzeichnete ménage à trois mit Agnes, einer ältlichen, avantgardistischen Autorin, und Tamara, ihrer Freundin, und streut seine komisch-katastrophalen Miniromane ein, die zugleich Entlastung von der Abstraktion wie die Probe aufs Exempel bieten.

Den Kalauer nicht scheuend noch die Zote, läßt Emanuel-Laederach die Ahnengalerie seiner Vorbilder Revue passieren: Lautreamont und Breton, Musil und Beckett, Robert Walser, Raymond Roussel und Joyce. Er preist Brodski, pinkelt den verehrten Thomas Bernhard an, parodiert Hans Blumenberg und vernichtet die Schweiz.

Laederachs kleine Katastrophengeschichten, die seine Reflexionsprosa unterbrechen, funktionieren nach dem Prinzip der schlimmstmöglichen Wendung. Wie Schachtelteufelchen aber katapultieren sich seine Figuren jedes Mal wieder aus dem Schlamassel heraus, Comicfiguren ähnlich, in denen die Menschheit nach Walter Benjamin davon träumt, die Pathologien der Technik und die Vernichtung der Kultur zu überleben. „Und was die Hauptsache ist, sie tut es lachend“, heißt es in Benjamins kleiner, zukunftsweisender Studie „Erfahrung und Armut“. Laederach schreibt eine nachhumanistische Literatur der Erfahrungsarmut, eine Literatur ohne Wirklichkeitshalluzination und ohne Menschen „aus Fleisch und Blut“, die, wo sie gelingt, jenes erlösende, „barbarische“ Lachen provoziert.