Von Alphons Schauseil

Die ersten Takte können wir ja alle: „Sur le pont d’Avignon...“ Doch dann hören wir meist auf. Der Rest ist Summen. Wir wissen nicht so recht weiter. Aber viele wissen nicht einmal: Wohin führte sie eigentlich, diese Brücke? Als Appendix ragt das in aller Welt besungene Bauwerk aus der noch immer rundum von Mauern umgebenen, einstmals päpstlichen Stadt Avignon, die Bogen der Brücke brechen ab. Aber sie geben den Fingerzeig aufs Gegenüber, das sich hinter den Wipfeln der Freizeitinsel Barthelasse verbirgt, die hier die Rhône teilt: Villeneuve-les-Avignon am anderen Ufer.

Sie haben wohl kaum tout en rond getanzt auf dem Pont St. Bénézet, die hohen kirchlichen Würdenträger von sieben Exil- und zwei Gegenpäpsten (1316-1430). Dafür war der Übergang zu grob gepflastert. Zweiundzwanzig Bogen mindestens waren es, als der legendäre, nie kanonisierte „heilige“ Benezet mit religiöser Inbrunst und geschäftstüchtig von Schiffen und Fähren eingetriebenen Mautgebühren die Brücke errichtete. 1185, ein Jahr nach seinem Tod, war sie vollendet.

Heute spannt sich eine breite, verkehrsschrille Brücke, der Pont Daladier, über die beiden Rhönearme. Mit dem Zehner-Bus oder in zehn Minuten zu Fuß, wenn man sich schräg gegen den Mistral lehnen will, ist man drüben in Villeneuveles-Avignon. Dort rückt sogleich der Turm Philipps des Schönen in den Blick, letzter Rest eines um 1300 aufgeführten Bollwerks, das den Übergang bewachte. Denn hier endete damals die Macht der französischen Monarchen. Avignon gehörte seit 1032 offiziell zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, führte jedoch wie die Grafen und wie andere Städte der Provence ein recht autonomes Dasein. Der Pont Benezet war ein gutes Jahrhundert lang eine wichtige Klammer gewesen. Er trug Handelsleute und den Strom der Pilger in Richtung Santiago de Compostela, war Weg von Rom nach Spanien.

Villeneuve-les-Avignon erwuchs aus religiösen Wurzeln, diente später erst militärpolitischen Zwecken. Der bewehrte Felsen über dem Ort, der Mont Adaon, soll in einer Grotte die heilige Casaria beherbergt haben, die laut einer Inschrift in der Stiftskirche dort oben im Jahre 587 ewigen Frieden fand. An ihrem Eremitengrab errichteten Benediktinermönche die Abtei von Saint-Andre, um die sich wie üblich eine Siedlung entwickelte, und um beide zog sich bald der Festungswall.

Von strategischer Bedeutung wurde der Platz erst in den Albigenserkriegen. Durch eine königliche Ordonnanz Philipps des Schönen wurde schließlich Villa Nova Sancti Andreae secus Avenionem geboren. Eine Charta verhieß Neubürgern Steuerfreiheit.

Fast gleichzeitig begann das Exil der Päpste. Der als Klemens V. gekürte Franzose Bertrand de Got, Erzbischof von Bordeaux, ließ sich im Midi nieder. Sein Nachfolger, der als Johannes XXII. gewählte Bischof von Avignon, residierte weiter in seinem Palais in dieser den Grafen der Provence gehörenden Stadt. Nach ihm errichtete Benedikt XII. einen burgähnlichen Palast und Klemens VI. schließlich kaufte Avignon der Königin Johanna I. von Neapel ab.