Nach „Schonzonen“ und „Auf Distanz gegangen“ legt Hans Raimund, von Österreichs mißachteten Autoren einer der bedeutendsten, seinen dritten Gedichtband vor: „Der lange geduldige Blick“. Raimund vereint gleich mehrere Tugenden, die dem Ansehen in seiner Heimat mehr schädlich als nützlich sind.

Er ist, als Übersetzer und Vermittler, ein genauer Kenner internationaler Strömungen, deren Verfahrensweisen er sich zum Teil spielerisch, bisweilen auch in schroffer Abwehr stellt. Er steht, freilich nicht als Epigone, in einer halb vergessenen österreichischen Tradition, die das lyrische Subjekt nicht nur in seinen sozialen Bezügen, sondern auch in seinem Verhältnis zur Natur oder deren verdinglichten Resten, bestimmt. Drittens vertraut er der Kommunikationsfähigkeit der Sprache, wählt sie also nicht zum Gegenstand seiner Dichtung.

Und schließlich lebt er außerhalb Österreichs, in Duino bei Triest – kein Ort, um in den Vorzimmern der Kulturbürokratie um Preise und Stipendien zu betteln, geeignet aber, sich durch ein Gedicht Zorn und Drohung des dortigen Fürsten, des jungen padrone di Duino zuzuziehen, „der den vom Vater geliebten Papagei / wie Italo der Straßenkehrer sagte / prompt an eine Trattoria verschenkt hatte / und der mitten im botanischen Garten / dem ganzen Stolz des Alten / wie Olga die Wirtin sagte / einen Swimmingpool für die Söhne bauen ließ“.

Man sieht schon: In Duino sind Rilkes Elegien passé, „schön wie eh und je geht die Sonne unter“, aber sonst: „Blechdosenbüsche / Kartonagenunterholz / Kassettenbänderurlaub / Flora / aus Präservativen Recycling Taschentüchern“. Die lyrische Anstrengung des Autors erschöpft sich freilich nicht im langen geduldigen Blick auf die Objekte einer zerstörten Landschaft; immer wieder unternimmt Raimund den Versuch, sich auch selbst wahrzunehmen, oft mit verhaltener Verzweiflung hinter lyrischem Übermut, meist mit Zweifel, manchmal aber „reulos gelassen“.

Erich Hackl

  • Hans Raimund:

Der lange geduldige Blick

Gedichte; edition umbruch, Mödling 1989; 72 S., 16,80 DM