Von Peter Christ

Sind sie eine Bürde oder eine Chance, die engen wirtschaftlichen Verflechtungen der DDR mit der Sowjetunion? Eines ist klar: Mit der wirtschaftlichen Vereinigung der beiden deutschen Staaten vom 1. Juli an gehen die Liefer- und Abnahmeverpflichtungen der DDR gegenüber der UdSSR faktisch auch auf die Bundesrepublik über. So hat es Bundeskanzler Helmut Kohl bei seinem Besuch in Moskau Mitte Februar dem sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow versprochen. Und im vergangene Woche unterschriebenen Staatsvertrag ist zu lesen: „...bestehende vertragliche Verpflichtungen gegenüber den Ländern des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe genießen Vertrauensschutz.“ Das bei weitem wichtigste Mitglied im RGW ist eben die Sowjetunion.

Für Kohls Zusicherung in Moskau gab es gewichtige politische Gründe, doch die ökonomischen Folgen seines Versprechens konnte der Bundeskanzler nur ahnen, denn damals waren die stets geheimniskrämerisch behandelten Wirtschaftsbeziehungen zwischen DDR und UdSSR nur in Umrissen erkennbar. Mittlerweile gibt es detaillierte Informationen.

Die Sowjetunion und die DDR sind füreinander die wichtigsten Handelspartner. Offizielle DDR-Statistiken beziffern den Anteil der UdSSR am Außenhandel (Einfuhr plus Ausfuhr) der DDR auf 36 Prozent im Jahr 1989. Deutlich niedrigere Zahlen nennt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums ein (noch unveröffentlichtes) Gutachten abgegeben hat. Für das vergangene Jahr kommt das DIW, das sich auf Arbeiten des Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung stützt, auf knapp 23 Prozent. Auch dieser Wert ist mit Vorsicht zu genießen, weil die zugrundegelegten Wechselkurse nicht der tatsächlichen Kaufkraft der beiden involvierten Währungen entsprechen. Würden bei den Berechnungen Weltmarktpreise für die gehandelten Güter herangezogen, dürfte nach ersten Schätzungen des Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung die UdSSR einen Anteil am Außenhandel der DDR von etwa dreißig Prozent haben. Zum Vergleich: Wichtigster Handelspartner der Bundesrepublik war im vergangenen Jahr Frankreich mit einem Anteil am Außenhandel von knapp dreizehn Prozent.

Die statistischen und methodischen Ungereimtheiten ändern also nichts daran, daß die UdSSR eine dominierende Rolle im Ex- und Import der DDR spielt. Umgekehrt gilt dies auch, allerdings auf niedrigerem Niveau. 1988 (neuere Zahlen liegen nicht vor) lieferte die Sowjetunion 10,7 Prozent ihrer Exporte in die DDR, von dort bezog sie 10,8 Prozent aller Importe.

Seit Mitte der achtziger Jahre geht der Handel zwischen den beiden wirtschaftlich stärksten Staaten des ehemaligen Ostblocks allerdings zurück. Das liegt vor allem daran, daß die Preise für Erdöl und Erdgas, die wichtigsten Ausfuhrgüter der UdSSR, in dieser Zeit gesunken sind. Weil die Handelsbilanz zwischen beiden Ländern ausgeglichen sein sollte, nahmen damit auch zwangsläufig die Aufträge der UdSSR an die DDR-Industrie ab.

Doch globale Prozentzahlen sagen noch wenig über das Maß der wechselseitigen Abhängigkeiten. Erhellender ist ein Blick auf einzelne Rohstoffe, Produkte und Betriebe (siehe Graphik Seite 20). So bezieht die DDR sämtliche Erdgasimporte und fast 97 Prozent der Erdöleinfuhren aus der Sowjetunion; sie kauft dort fast 100 Prozent des importierten Schnittholzes, 85 Prozent der Baumaschinen, drei Viertel der Steinkohleimporte und mehr als zwei Drittel der Baumwolle. Die UdSSR deckt mit ihren Öl-, Gas-, Kohle- und Stromlieferungen knapp ein Drittel des gesamten Primärenergiebedarfs der DDR.