ARD, Samstag, 26. Mai, und Sonntag, 27. Mai, jeweils 20.15 Uhr: „Jack the Ripper“, englischer Fernsehfilm

Das viktorianische London des Jahres 1888 war voller Unruhe. Republikaner und Anarchisten bevölkerten die Straßen und verkündeten ihre – auch schon marxistischen – Parolen. Marxens Analyse des Kapitalismus, der ja in England seine Stammheimat hatte, zerlegte das anscheinend so wohlgefügte Gesellschaftsleben in seine Einzelteile, erwies seine Mechanismen als sehr profan und das Ganze als vergänglich. Inmitten dieser allgemeinen Verwirrung ereignete sich eine Reihe brutalster Morde an Prostituierten im Londoner East End. Der Mörder sezierte seine schönen Opfer und zeigte ihr Innenleben für aller Augen als häßliches Gedärm. Jack the Ripper hieß der Killer bald im Volksmund.

Ein ripper ist ein Trennmesser, kann aber im Slang auch „Prachtkerl“ heißen. Der Kaltblütige, der es wagt, das Zusammengehörige zu trennen, wird gefürchtet und bewundert. Analyomai heißt auflösen; der Mörder war tatsächlich ein verwirrter Analytiker, der, nachdem man ihn hatte, seine abgebrochenen, seine zerstörten Experimente beklagte. Und dieser Inspektor (Michael Caine) kann seinen Fall nicht lösen, ohne auch etwas aufzulösen, ohne das gesellschaftliche Ganze zu sezieren, in dem auch er als Polizeimann seinen Sinn hat. Er säbelt an den eignen Fäden, die ihm Halt und Bindung geben.

Dieser Michael Caine ist es, der den Film so spannend macht: wie er trotz seiner englischen Zurückhaltung genötigt ist, Leute zu verdächtigen und Nachforschungen anzustellen – bis in die höchsten Kreise hinein, wie es ihn schmerzt, hineinzuleuchten in das, was er als guter Diener Ihrer Majestät gern in majestätischer Unantastbarkeit bewahrt hätte. Wie lang es dauert, bis er es über sich bringt, das Naheliegende überhaupt für möglich zu halten: daß durch die Ritzen einer höfischen Kutsche schon literweise Hurenblut geflossen ist. Und wie er sich kindlich freut, als ein verdächtiges Mitglied des Königshauses ein lückenloses Alibi vorlegen kann...

Und doch bleibt ihm die Analyse nicht erspart, die Auflösung der eignen Lebenskoordinaten mit der Lösung seines Kriminalfalles. Gelassen, ironisch, selbstsicher geht er den Fall an und sieht sich bald genötigt, vom sicheren Ufer abzustoßen. Stevensons „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ wird gerade am Londoner Theater gespielt, und die Verwandlung dieses Menschen dort auf offener Bühne schockiert ihn bis ins Mark: Wie er das mache, ob er tatsächlich zwei Seelen in sich habe, will er vom Schauspieler wissen, ob es das wirklich gebe, diese Doppelgesichtigkeit, will er vom berühmtesten Arzt der Hauptstadt wissen. Ach, wie einfältig finden wir einen viktorianischen Inspektor, über dessen wackere Trennung der Menschheit in gut und böse wir nur noch grinsen können.

Er kann nicht einmal mehr lächeln, er büßt seinen Humor ein bei seinen allzu gründlichen Introspektionen. Als der Mörder gefaßt ist – ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft –, sehen wir den Inspektor verzweifelt: „War er irrsinnig?“ brüllt er so lang, bis man ihn endlich beschwichtigt: „Ja, ja, er war wohl irrsinnig.“ Armer Inspektor, fassungslos steht er am anderen Ufer, vor der Möglichkeit des eignen Irrsinns. Martin Ahrends