Von Ursula Bode

Sie schauen uns an – lachend der wackere Trinker, selbstgenügsam die Stutzer mit dem Pompon am hohen Hut, prüfend die barmherzigen Regentinnen des Altmannerhauses. In Distanz verharrt die Matrone, und ihr Gemahl, ein tüchtiger Bierbrauer oder wohlhabender Tuchhändler, nimmt seinen Blick zurück, meidet Kontakt zum Gegenüber. Sie schauen auf uns herab, sie blicken fast unmerklich an uns vorbei, jeder eine Welt für sich, sprechend nur in ihrer Attitüde, in der steif zurückhaltenden Pracht der Gewänder, in diesem protestantisch schlichten Schwarz und Weiß, das sich gleichwohl aus Atlasseide und Damast herstellt, aus Spitze und gefälteltem Batist und dann und wann einer goldenen Spitze am männlichen Strumpfband. Nur die Liebenden dürfen einander zulächeln, voller Selbstvergessenheit und dezenter Verheißung, über den Rahmen des Bildes hinweg, hin zum anderen, eine Rose in der Hand.

„Menschen wie aus dem Leben“ – so erschienen sie den Zeitgenossen. Sie sind es trotz ihrer fernen Kostüme noch immer. Daß ihre selbstverständliche Auftrittsform, diese Offenheit – und Verschlossenheit – des Ausdrucks ein Zeichen hoher Kunstfertigkeit und virtuoser Malerei war, erkannten sie wohl, die Reichen, die Ehrbaren, die raren Schönen von Haarlem. Denn sie waren es, die bei ihrem Mitbürger Frans Hals jahrzehntelang, zwischen etwa 1610 und 1664, immer wieder Bildnisse in Auftrag gaben und so dafür sorgten, daß aus dem 1582 geborenen Sohn eines armen, aus Antwerpen eingewanderten Tuchwirkers einer der gesuchtesten Porträtisten seiner Zeit wurde.

Der Maler hatte – von einem nicht sonderlich erfolgreich endenden Auftrag in Amsterdam abgesehen – bis kurz vor seinem Tod 1666 genug damit zu tun, die Elite seiner Stadt, immerhin einer Bier- und Textilmetropole der nördlichen Niederlande, ins rechte Licht zu rücken. Er verschmähte den „Königsweg“ der Künstler seiner Zeit – die Historienmalerei – und damit auch den guten Rat seines Lehrers Karel van Mander; er spezialisierte sich auf Bildnisse, und selbst seine Genrebilder – Fischerknaben, Fischermädchen – gerieten ihm zu Portraits, deren Modelle bereits zu ihrer Entstehungszeit so unbekannt waren wie heute ein gut Teil der einstmals Prominenten.

Bürger waren die Klientel des Frans Hals: die neue protestantische Führungsschicht der Stadt, auch etliche Wohlhabende unter den nach der Reformation zurückgezogen lebenden Katholiken. Geistliche gehörten zu seinen Kunden, Professoren, Historiker, Künstler – und die aus Honoratioren gebildeten Schützengilden. Hals ließ sie alle nahezu ohne Dekor posieren, er zeigte sie als Halbfigur, als Dreiviertelfigur, nur selten in ganzer Gestalt mit pompöser Draperie oder einer Gartenszene im Hintergrund. Die meisten seiner Auftraggeber (samt Gattin auf separatem Bildnis) sind Menschen, die keine spezielle Umgebung benötigen, um selbstbewußt aufzutreten. Allein oder in kunstvoll natürlichem Gruppen-Arrangement erscheinen sie häufig vor einem fast monochromen Fond: Bürger im Nirgendwo, nur bei sich selbst, würdevoll inszeniert und dabei in eine Malerei verwandelt, deren Auftrittsform einige Ansprüche an die Porträtierten stellte.

Denn diese Bildnis-Malerei erschien ja nicht nur verblüffend lebensecht, unmißverständlich, ungeschönt. Sie war auch rauh, sie war spontan, wie hingefetzt. Der flächige Verbund der Farben konnte etwas sehr Instabiles haben; die scheinbar flüchtigen malerischen Gesten verfestigen sich erst, wenn man sie aus einiger Distanz betrachtet. Den meisten der porträtierten Haarlemer Bürger müssen diese Bildnisse dennoch als angemessenes Zeugnis ihres Daseins gegolten haben, auch wenn schon damals die Verfechter der reinen Kontur und der „schönen“, aus Lasuren gewachsenen glatten Oberflächen kritisierten, der Maler habe wohl nicht die Geduld gehabt, seine Arbeit anständig zu Ende zu führen.

Es ist nicht erstaunlich, daß die Wiederentdeckung der Kunst Frans Hals’ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der Botschaft begleitet wurde, er sei ein „neuer Mensch in einer neuen Zeit“ gewesen, fähig, den realistisch denkenden und optimistisch handelnden Mitmenschen der damals noch jungen holländischen Republik ein malerisches Denkmal zu setzen. Von Wiederentdeckung ist natürlich heute nicht die Rede, wenn die National Gallery in Washington, die Londoner Royal Academy of Arts und das Frans-Hals-Museum in Haarlem eine Ausstellung von 86 Gemälden (des in aller Welt verstreuten und mit rund 220 Bildern insgesamt bezifferten Werks) zusammenbringen. Nach der 1962 in Haarlem veranstalteten Schau ist dies die erste große Übersicht, und sie entspringt nicht allein dem allgegenwärtigen Bedürfnis, dem großen internationalen Publikum die großen Meister der Kunst als Leckerbissen vorzuführen. Hals, vor allem seit Ende des vergangenen Jahrhunderts durchaus Gegenstand kunsthistorischen Interesses, ist noch für Entdeckungen gut – sein Leben und sein Werk sind beispielsweise weit bescheidener dokumentiert, als dies bei Rembrandt der Fall ist.