Macht das deutsche Beispiel nun auch in Fernost Schule? Eine Wiedervereinigung zwischen China und Taiwan steht zwar noch nicht auf der politischen Tagesordnung. Doch überraschend erklärte sich in der vergangenen Woche Taiwans Präsident Lee Teng-hui zu Gesprächen auf Regierungsebene bereit.

Damit hat die Regierung in Taipeh endgültig Abschied genommen von ihrer Politik der „drei Nein“ – kein Kontakt, keine Verhandlungen, kein Kompromiß. Kontakte gab es schon vorher, etwa durch Touristen und Geschäftsleute. Stillschweigend hat Taipeh auch den indirekten Handel mit der Volksrepublik und Direktinvestitionen auf dem Festland geduldet.

Nun aber geht Präsident Lee einen entscheidenden Schritt weiter. Die „Periode der Mobilisierung zur Unterdrückung der kommunistischen Rebellion“ soll demnächst für beendet erklärt werden. Damit wird nach über vierzig Jahren die Herrschaft der KP über die Volksrepublik indirekt anerkannt.

Dennoch holte sich Präsident Lee mit seinem Vorstoß in Peking zunächst eine Abfuhr. Am Dienstag aber ergriff Deng Xiaoping, noch immer Chinas einflußreichster Politiker, seinerseits die Initiative: Taiwan könne im Falle einer friedlichen Wiedervereinigung seine eigenen Truppen behalten.

Nach dem Willen Pekings soll die für den Anschluß Hongkongs erdachte Formel „Ein Land, zwei Systeme“ auch für Taiwan gelten. Dort hat man im Gegenzug die Devise „Ein Land, zwei Regierungen“ ersonnen. Im übrigen setzen die Nationalisten auf die Attraktivität ihres „Modells Taiwan“. Und tatsächlich ist der Inselstaat für viele Festlands-Chinesen längst zum Vorbild geworden, nicht nur wegen seines Wirtschaftswunders, sondern – seit die Opposition im Parlament sitzt – auch wegen seines Experiments mit der Demokratie. M. N.