Von Robert Strobel

Bonn, im Mai

Wenn es uns auch nach dem Besatzungsstatut untersagt ist, unsere außenpolitischen Angelegenheiten im herkömmlichen Sinne wahrzunehmen, so bleibt uns doch eine Fülle wesensgleicher Aufgaben, wenn auch in einer anderen Form, gestellt. Schon unsere Beziehungen zu den Hohen Kommissaren sind in mehrfacher Hinsicht außenpolitischer Natur. Aber auch ein gewisser unmittelbarer Kontakt mit anderen Staaten ist uns durch das Besatzungsstatut nicht verwehrt. Man hebt die Rationierung unserer Souveränität in Etappen auf. Daher müssen wir uns auch die entsprechende Dienststelle, die noch nicht heißen darf, was sie einst sein soll, in Etappen aufbauen: ein Außenamt.

Das Surrogat in der Organisation unseres Außendienstes ist die Verbindungsstelle zwischen der Bundesregierung und den Hohen Kommissaren. Sie formuliert die Noten der Bundesregierung an die Hohen Kommissare. Aber vielspältig, wie es unsere halbsouveräne Situation mit sich bringt, greift sie auch auf die inneren Ressorts über. Offizielle Äußerungen der Bundesministerien an die Hohe Kommission sind grundsätzlich über die Verbindungsstelle weiterzuleiten. Inzwischen hat sich auch zwischen ihr und den ausländischen Missionen ein immer stärker werdender Kontakt herausgebildet. Sie bedienen sich der Verbindungsstelle beim Verkehr mit dem Bundeskanzler, bei der Erledigung von Anfragen ihrer Regierungen, die eine Stellungnahme oder Auskünfte von deutscher Seite erheischen, und in anderen Fällen. Zur Zeit sind bei der Verbindungsstelle etwa dreißig Personen beschäftigt. Ihr Leiter, Ministerialdirigent Blankenhorn, kommt wie sein Stellvertreter, Dr. Dittmann, aus dem früheren Auswärtigen Amt und gilt als die rechte Hand des Bundeskanzlers.

Ein zweite Abteilung, die Aufgaben eines zukünftigen Außenamtes vorwegnimmt, ist das Organisationsbüro, das die konsularischen und wirtschaftlichen Außenstellen aufzubauen hat. Diese Arbeit wird nicht nur durch die personellen Schwierigkeiten, nämlich den Mangel an geeigneten im Auslandsdienst erfahrenen Persönlichkeiten, die in politischer Hinsicht auch nicht formell belastet sind, wie es die Alliierten verlangen, sondern noch mehr durch den Zwang gehemmt, aus dem Nichts einen Apparat zu schaffen, der nicht nur den zunächst gesteckten, sondern angesichts der rasch fließenden außenpolitischen Entwicklung auch späteren Zielen entsprechen soll. An der Spitze dieser Abteilung, der etwa sechzig Beamte und Angestellte angehören, steht Staatsrat Haas, ebenfalls ein Mann des ehemaligen Auswärtigen Dienstes, den er unter Ribbentrop aus politischen Gründen verlassen mußte.

Die Gegenspielerin der Missionen im Ausland, die ihnen vorgesetzte Zentralstelle in Bonn, ist die Konsularabteilung, deren Leitung der ehemalige Botschaftsrat Professor Theodor Kordt übernimmt. Sie nimmt die Berichte der Außenstellen entgegen und gibt ihnen Weisungen. Sie organisiert den Chiffrier-, den Kurier- und Nachrichtendienst. Sie gliedert sich in eine Rechts- und eine Länderabteilung. Die Arbeit dieser Abteilungen wird durch die Protokoll-Abteilung, die dem Chef des Protokolls, von Herwarth, untersteht, ergänzt. Ihr obliegt die Festsetzung des Zeremoniells bei offiziellen Empfängen, Staatsbesuchen und dergleichen.

Von großer Bedeutung für die zukünftige Entwicklung des Außendienstes ist ferner die Abteilung zur Ausbildung des Nachwuchses. Bekanntlich wurde in Speyer eine Art Konsularschule eingerichtet, die zunächst in viermonatigen, später in längeren Kursen einen geeigneten Nachwuchs für den konsularischen und diplomatischen Dienst heranbilden soll. Die Kursusteilnehmer sollen in der Regel nicht jünger als 24 und nicht älter als 34 Jahre sein, ein abgeschlossenes Hochschulstudium, gleichgültig welcher Fakultät, und gründliche Sprachkenntnisse nachweisen. Die Leitung dieser Abteilung hat der ehemalige Generalkonsul Dr. Pfeiffer.

Daß dieser ganze, etwas lose zusammengefügte Behördenapparat dringend der lenkenden Hand eines Staatssekretärs bedarf, wurde schon oft in der Presse und im Parlament hervorgehoben. Noch immer aber zögert der Bundeskanzler mit seiner Ernennung. Vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil gerade dieses Ressort sein Interesse in besonderem Maße fesselt und er vielleicht daran denkt, eines Tages, wenn unsere außenpolitische Freiheit groß genug sein wird, sein eigener Außenminister zu werden.