Die hundert Kilometer Akten, die in den streng bewachten Archiven gesichtet werden, weisen den Staatssicherheitsdienst als deutsche Behörde aus: eine perfekt organisierte, streng nach Vorschrift arbeitende Unterdrückungsmaschine. Für jeden Blumenstrauß, den ein Führungsoffizier einem Spitzel mitbrachte, findet sich eine Quittung, es mußte ja abgerechnet werden.

In Erich Mielkes Krakenbehörde regelten 850 Richtlinien, Befehle und Weisungen den Dienst für die 85 000 Mitarbeiter. Die Sprache der Anleitungen für die Schergen der Diktatur dürfte wohl noch Generationen von Historikern in Schaudern versetzen: eine Begriffswelt wie von einem anderen Stern, eine Orgie von Substantiven, Kürzeln und Worthülsen, seelenlos, kalt.

Ein Spitzel hieß „IM“, was für „Inoffizieller Mitarbeiter“ stand. Im Räderwerk des Geheimapparats wurde jedem Zuträger ein genau definiertes Plätzchen zugewiesen, etwa als „Inoffizieller Mitarbeiter zur Führung Inoffizieller Mitarbeiter“ (FIM), „im besonderen Einsatz“ (IME), „in unmittelbarer Feindbekämpfung“ (IMB) oder „zur Gewährleistung der Sicherheit“ (IMS). Die Geheimbürokratie erlag dem Kürzel-Fieber vollends beim IMK „zur Gewährleistung der Konspiration“, der, wenn er ein „Decktelephon“ zur Verfügung stellte, in den Akten als „IMKDT“ auftauchte.

Jeder Spitzel mußte, bevor er in den Dienst eintrat, eine „Verpflichtungserklärung“ unterschreiben. Nur ausnahmsweise konnte der Teufelspakt per Handschlag besiegelt werden. Nach der Stürmung der Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße spuckte der Computer eine Liste von 109 000 Zuträgern aus. Die Zahl ist zweifelhaft, denn nicht alle Spitzel sind erfaßt, die örtliche Dienststellen ausgehoben haben; es fehlen die „Gesellschaftlichen Mitarbeiter Sicherheit“ (GMS), und jährlich schieden acht bis zehn Prozent aller Spitzel wieder aus: „Inoffizielle Mitarbeiter archiviert“ (IMa). Und das hochgerechnet auf vierzig Jahre DDR!

Wer sich andiente, machte sich verdächtig. Selbstbewerbungen gab es nur für Kinder von Stasi-Mitarbeitern. Da viele Ehefrauen ebenfalls bei der Stasi arbeiteten, etwa als Sekretärin (im Lange eines Hauptmannes) oder als Putzfrau (Feldwebel, nach drei Jahren zum Oberfeldwebel zu befördern), entwickelten sich in Kleinstädten regelrechte Sippenapparate.

Wollte ein Offizier einen Spitzel anwerben, tat er, was man in deutschen Behördenstuben meist als erstes tut: Er legte eine Akte an („IM-Vorlaufakte“), in der alle erdenklichen Informationen zusammengetragen wurden. Vielleicht lieferten ja schon die „Zentrale Personendatenbank“ (Z?DB) oder die „Vorverdichtungs-, Such- und Hinweiskartei“ (VSH) der Stasi-Zentrale in Berlin Brauchbares, ansonsten mußte bei der Polizei, im Betrieb, beim Arzt nachgefragt werden.

Ein „IM-Kandidat“ mußte staatstragend oder erpreßbar sein, außerdem „persönliche Bedürfnisse und Interessen“ haben, „zu deren Befriedigung das Ministerium für Staatssicherheit beitragen kann“. Die Stasi verhalf zur Karriere.