Auf meinem Schreibtisch liegt das Statut des neuen Berliner Tierschutzvereins. Bisher gab es ihn nicht. Im real existierenden Sozialismus werden keine Tiere gequält, hieß es. Margarete Laske, die Vorsitzende des neuen Vereins, weiß es besser, sie erzählt von einem jungen Mann, der einen Hund angezündet, ihn in die Waschmaschine gesteckt und schließlich aus dem Fenster geworfen hat; von ausgesetzten Katzen, von in drangvoller Enge gehaltenem Schlachtvieh.

In der DDR herrscht Vereinsfieber. Was lange verboten war, nämlich sich in Gruppen zusammenzutun, außerhalb staatlich geförderter (und kontrollierter) Vereinigungen, wird jetzt so heftig betrieben, als wolle man jahrelang Versäumtes binnen kürzester Zeit nachholen. Manche meiner Freunde gründen mit. Sie nutzen die neue Freiheit, um ihrem Engagement für Menschenrechte, Umweltschutz oder Behinderte in neuen Verbänden Durchsetzungskraft zu verleihen. An der Bundesrepublik interessiert sie weniger der Wohlstand als eher amnesty international, Greenpeace oder die Lebenshilfe. Dabei schließen sie sich diesen westdeutschen Vereinigungen nicht einfach an. Sie lassen sich gern von ihnen beraten, materiell und technisch helfen. Doch sie wollen selbständig sein. Schließlich haben nur sie DDR-Erfahrungen.

Den Kernenergietechniker Jörg Naumann kenne ich seit Jahren aus den kirchlichen Ökologiekreisen in Dresden. Er ist Mitbegründer von Greenpeace e.V. DDR. Bei der ersten Aktion ist er einer der Organisatoren: die Fahrt mit dem Greenpeace-Schiff Beluga die Elbe hinauf, mit dem Forschungslabor an Bord auf den Spuren von Umweltsündern. Im neuen Ostberliner Greenpeace-Büro gegenüber der westdeutschen ständigen Vertretung treffe ich Heidi Rottenbach, die Seele vom Geschäft, und Christof Tannert, Biochemiker von Beruf, der mir einen Prospekt des Unabhängigen Instituts für Umweltfragen, kurz UFU genannt, in die Hand drückt. Tannert hat es kürzlich mit anderen Wissenschaftlern gegründet, trennt sich ungern zugunsten von Greenpeace von ihm. Heidi Rottenbach hat bei der Gründung der Grünen Liga mitgemischt, sie kommt von Kulturbund-Umweltgruppen und hat mit Peter Grützmacher, auch er Greenpeace-Mitarbeiter, in der Interessengemeinschaft Stadtökologie Köpenick zusammengearbeitet. Arbeit gibt es für die neuen DDR-Greenpeacer genug, denn die Umweltzerstörung in der DDR ist bekanntlich verheerend. Die neuen Greenpeace-Mitarbeiter in Ost-Berlin sehen das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten mit Skepsis. Die DDR könnte wegen der weniger scharfen Umweltgesetze von manchen Investoren als Paradies betrachtet werden. Greenpeace will Druck auf die Regierung ausüben, daß zum Beispiel keine westlichen Betriebe hier Atomkraftwerke bauen. Ihrer Meinung nach sollte die DDR lieber auf Gas und Steinkohle setzen, auf Rauchgasentschwefelung und Entstickung, vor allem aber sollte sie Energie einsparen. Greenpeace fordert, daß SERO – der Aufkauf von Altstoffen wie Glas, Papier, Metall – nicht eingeschränkt, wie in den letzten Wochen passiert, sondern ausgeweitet und verbessert wird. Einer ihrer ersten Forderungen, nämlich den Spreewald nicht dem Tourismus zu opfern, hat die Regierung nachgegeben, es sollen dort keine Hotels gebaut werden, es wird keinen Wandertourismus geben.

Die Erwartung der Bevölkerung gegenüber Greenpeace sei groß, stöhnt Heidi Rottenbach: „Sie denken, wir könnten alle ihre Probleme sofort lösen.“ Wie zur Illustrierung kommt eine ältere Frau ins Büro, obwohl keine Sprechstunde ist, kramt einen großen Aktenordner aus ihrer geblümten Einkaufstasche: Sie habe Schwefeldioxid in der Wohnung, es stinke wieder mal entsetzlich. „Schwefeldioxid riecht nicht“, sagt Christof Tannert freundlich. Aber sie habe doch letzte Nacht so schlecht geschlafen, sagt die Frau unzufrieden. In ihrer Wohnung sei der Schwefeldioxidgehalt schon mal gemessen worden. Sie holt einen Brief hervor: 0,12 Milligramm pro Kubikmeter. Das sei weit unterhalb der zulässigen Grenze, erklärt ihr Christof Tannert. Dafür sei Greenpeace auch nicht zuständig, sie solle an die Ständige Kommission Umweltschutz ihres Stadtbezirks schreiben. Aber die Frau möchte, daß Greenpeace zu ihr kommt und noch mal mißt. „Das können wir nicht“, sagt Heidi Rottenbach. „Wieso“, fragt die Frau, „ist denn hier keiner aus dem Westen?“

Der Graphiker Martin Hoffmann ist Mitbegründer von amnesty international DDR. Martin Hoffmanns Bilder sind Ausdruck seines politischen Engagements. Er hat sich am Wettbewerb für ein Mahnmal für die jüdischen Opfer Berlins während des Nationalsozialismus beteiligt. Er ist Mitglied des Neuen Forums und arbeitet seit Jahren im Friedenskreis der Pankower Kirche. Am 6. Oktober hatte er in der Kirche gefordert, daß man nach außen denken müsse, weg von der deutschdeutschen Egozentrik. Doch solche Gedanken gingen im Trubel der darauffolgenden Wochen unter. Im Januar trafen sich 25 Menschen bei ihm in der Wohnung, kamen auch aus Leipzig und Dresden, wo schon länger Initiativen bestanden, amnesty international in der DDR zu gründen. Man entschied sich dann für Berlin als Zentrale, nur eine kurze Bahnfahrt entfernt von den Westberliner ai-Mitarbeitern. 500 Menschen haben inzwischen geschrieben; sie wollen sich informieren oder mitmachen. Das Büro in der Memhardstraße 3 ist eine ehemalige Stasiwohnung. Das Telephon ist noch abgeklemmt.

Rita Heiduschka ist Lehrerin an einer Hilfsschule in Berlin-Hohenschönhausen und Mutter einer geistig behinderten Tochter. Ende letzten Jahres fanden sich Eltern von behinderten Kindern zusammen, um einen Behindertenverband zu gründen. „Aber bald haben wir Eltern von geistig behinderten Kindern gemerkt, daß unsere Interessen da nicht vertreten sind“, sagt Rita Heiduschka. Sie nahmen deshalb Kontakt auf zur Lebenshilfe in der Bundesrepublik. Ende Januar fuhr eine Gruppe aus der DDR nach Marburg, eine DDR-Initiativgruppe wurde gebildet. Sie schrieb betroffenen Eltern in der DDR, Anfang März traf man sich in Leipzig, und Mitte April fand die Gründung der DDR-Vereinigung der Lebenshilfe in Berlin statt. Bettina Wegner sang, Walfriede Schmitt las aus Franz Fühmanns Roman über Behinderte. Rita Heiduschka wurde zur Vorsitzenden gewählt. Ihre Tochter wurde einen Tag nach Gründung achtzehn Jahre alt. Sie ist geistig behindert von Geburt an. Heiduschkas zogen im Sommer ihretwegen von Spremberg nach Berlin. Hier kann sie in einer Werkstatt arbeiten.

Auch Frau Heiduschka war es wichtig, eine DDR-Vereinigung zu gründen: „Auf diese Weise können wir eigene Ideen einbringen.“ Die nächsten Ziele? „Viele Ortsvereinigungen, Kreisvereinigungen, Ländervereinigungen gründen. Schulpflicht für alle Kinder fordern, nicht nur für die, die lesen und schreiben können. Bis jetzt wurden unsere Kinder als ‚schulbildungsunfähig, förderungsunfähig, intelligenzgeschädigt‘ abgetan. Dabei ist das Recht auf Bildung in der Verfassung festgeschrieben.“ Noch hat die DDR-Lebenshilfe kein Büro. Man überlegt, sich vielleicht etwas in Potsdam zu suchen, als Büro für das Land Brandenburg. „Nach der Vereinigung kann ja dann West-Berlin Ost-Berlin mit übernehmen.“

(Sollte jemand spenden wollen, die Redaktion hat die Kontonummern der Vereine.)