Ohne Dämpfung des Bevölkerungswachstums ist der Dritten Welt nicht zu helfen

Von Horst Bieber

Zum Schluß stehen sie vor einer Kette schwerbewaffneter, blaubehelmter Euro-Soldaten, die in einem südspanischen Badeort den Marsch der Hungrigen aufhalten. Fast so weit wie Kolumbus sind sie gezogen, aus dem von Dürre und Hungersnot geplagten Sudan quer durch die Wüste zur Meerenge von Gibraltar. Unterwegs ist aus dem Trupp der Verzweifelten eine Bewegung für Recht und Reichtum geworden. Tausende können noch über die Meerenge setzen, begleitet und gelenkt von Medienspezialisten, bis die zerstrittene und zögernde EG-Führung vor den Fernsehaugen der Welt endlich eine Entscheidung wider die unerwünschten Invasoren trifft.

Der am Sonntag gesendete Fernsehfilm „Der Marsch“ läßt den Ausgang – optisch wenigstens – noch offen. Mit diesem Streifen wollen europäische Sendeanstalten eine Initiative einleiten, die unter dem Motto „Eine Welt für alle/One World“ den Blick von Europa weg auf jene Räume des Globus lenken soll, in denen nicht Aufbruchsstimmung und Euphorie herrschen, sondern Hunger, Elend und die wachsende Sorge, wegen der Sanierung Osteuropas werde der arme Süden nun endgültig vergessen. „Der Marsch“ zeigte eine mögliche Konsequenz solchen Eurozentrismus. Er ist gewiß nicht die wahrscheinlichste, aber doch wohl die von vielen satten Nordbewohnern insgeheim am meisten befürchtete – der Süden könnte mit Gewalt in den Norden drängen, weil er anders seinen Anteil am Reichtum der ganzen Welt verloren geben muß. Noch ist „Der Marsch“ eine Fiktion, ein Alptraum. Aber die Frist, innerhalb deren er Wirklichkeit werden kann, hat schon zu laufen begonnen.

„Die nächsten zehn Jahre werden darüber entscheiden, wie das 21. Jahrhundert aussieht; und vielleicht entscheiden sie auch über die Zukunft der Erde als Lebensraum für den Menschen“, heißt es in der Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1990, herausgegeben vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen. „Zu Beginn der neunziger Jahre müssen wir uns für konsequente Maßnahmen entscheiden, um das Bevölkerungswachstum zu verlangsamen, die Armut zu bekämpfen und die Umwelt zu schützen. Andernfalls können wir unseren Kindern nur ein vergiftetes Erbe hinterlassen.“ Zur Zeit leben etwa 5,3 Milliarden Menschen auf der Erde. Zur Jahrhundertwende werden es an die 6,3 Milliarden sein. Optimisten sagen für das Jahr 2100 „nur“ elf Milliarden voraus, wenn bis dahin alle Maßnahmen zur Senkung der Fruchtbarkeit Erfolg haben. Sollten die Programme mißlingen, ist die Zahl von vierzehn Milliarden wahrscheinlicher. Noch nie in der Geschichte ist die Weltbevölkerung so schnell gewachsen, noch nie war der Kollaps des Systems Erde so nahe wie in diesem Jahrhundert.

Angesichts solcher Dimensionen macht sich Ratlosigkeit breit. Die klassische Entwicklungspolitik, die auf Industrialisierung und Einbindung der unterentwickelten Länder in den Welthandel setzte, resigniert vor dem Tempo der Veränderungen und den ständig wachsenden Anforderungen. Die Umweltpolitik, erst in Ansätzen global ausgerichtet, ist machtlos gegen jene lebensgefährlichen Eingriffe in die Natur, mit denen immer mehr Menschen ihr Überleben sichern wollen – ihr Leben hier und heute, ohne Blick auf die Zukunft. Die Länder der Dritten Welt gestehen ein, daß ihre im Norden oft mißachteten, gleichwohl bemerkenswerten Erfolge im Schul-, Gesundheits- und Sozialwesen einfach nicht ausreichen: Die wachsende Bevölkerungszahl übersteigt ihre Möglichkeiten, die Lage aller Staatsbürger zu verbessern. Die Menschen fressen den Fortschritt auf. Schlimmer noch: Mehrere Staaten Afrikas werden am Ende dieses Jahrzehnts nicht einmal mehr die Hälfte ihrer Bürger aus der eigenen Landwirtschaft ernähren können.

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