Von Ulrich Schiller

Washington, im Mai

James Baker brachte am Sonntag bei seiner Rückkehr aus Moskau, nur zehn Tage vor Beginn des Washingtoner Gipfeltreffens, den Amerikanern Antworten auf zwei Fragen mit, die für die große Bush-Gorbatschow-Begegnung zentrale Bedeutung haben werden. Ja, Präsident Gorbatschow sei trotz der zahlreichen Belastungen stark genug geblieben, die amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen als Partner Bushs voranzutreiben; so mancher in der amerikanischen Regierung hat dies zuletzt schon bezweifelt. Nein, so erklärte Baker anschließend, Gorbatschows Konflikt mit Litauen müsse das Gipfeltreffen nicht belasten. Darüber hinaus haben die langwierigen und schwierigen Verhandlungen von Washingtons Außenminister über den – noch immer nicht fertigen – Start-Vertrag, der einen Abbau der strategischen Angriffswaffen besiegeln soll, den hiesigen Analytikern nur bestätigt, was sie seit Schewardnadses April-Besuch ohnehin zu wissen meinten: Gorbatschow habe seinen Militärs wieder stärkeres Mitspracherecht einräumen müssen.

Die Haltung der sowjetischen Führung in Abrüstungsfragen hat sich neuerdings wieder verhärtet. Eine Analytiker-Schule sieht darin nur die logische Folge der Tatsache, daß der Warschauer Pakt praktisch zerfallen ist. Die konservative Schule hingegen legt dies als Ergebnis der Politik Bushs und Bakers aus: Gorbatschow habe Baker mit dem drohenden Ende der Perestrojka so viel Angst eingejagt, daß der für seine Verhandlungskünste sonst so gepriesene Außenminister klein beigegeben habe, um den Gipfel und Gorbatschow zu retten. Dies unterstellt, offenbar wieder einmal in blinder Wut, William Safire in der New York Times.

James Baker, von seinen Freunden einschließlich dem Präsidenten Jim oder Jimmy genannt, hat es sich wohl schwerlich träumen lassen, daß er, der bis 1970 nach eigenen Worten ein „unpolitischer Demokrat“ gewesen war und danach zum „absoluten, totalen und reinen Republikaner“ konvertierte, eines Tages in den Verdacht geraten würde, die Interessen seines Landes zu vernachlässigen, um einen Sowjetführer vor dem Sturz zu retten. Freilich hat der Abkömmling einer einflußreichen Anwaltsfamilie in Texas auch nie daran gedacht, Außenminister der Vereinigten Staaten in einer Zeit zu werden, in der Michail Gorbatschow das stalinistische Imperium liquidiert und mit dem Ende des Kalten Krieges die Gewichte und Rollen der Großmächte auf dem Globus neu verteilt werden. In den ersten sechzehn Monaten seiner Amtszeit als Außenminister jedenfalls lag der Arbeitsschwerpunkt des gelernten Juristen im Osten, einer Weltregion also, die den Amerikanern im allgemeinen schwer zugänglich ist.

Noch niemand hat von James Baker bislang erfahren, was im Frühjahr 1989 der wahre Anlaß für eine neue Kursbestimmung gewesen ist. Er war nach Moskau gereist, um das Abrüstungsklima zu sondieren. Seine Regierung, vom Pentagon bis zum Nationalen Sicherheitsrat im Weißen Haus, war noch immer in einer unfruchtbaren „strategischen Bestandsaufnahme“ begriffen. Trotz der dringenden Einwände der europäischen Verbündeten gaben bei der Beurteilung Gorbatschows noch immer die Bremser den Ton an, die im sowjetischen Reformaufbruch nur eine neue Wendung im alten Zyklus von Reformversuch und Gegenreform sahen. Der zweite Mann im Nationalen Sicherheitsrat, Robert Gates, verteidigte diese These nachdrücklich – ein Historiker, der den Gegenstand seines Studiums wie seiner einflußreichen Beratertätigkeit, eben die Sowjetunion, bis dahin nie betreten hatte.

Als Baker um diese Zeit in Moskau von Gorbatschows neuen Abrüstungsinitiativen überrascht und offenbar auch mit neuen Einsichten darüber konfrontiert wurde, wie groß der angestrebte Wandel war, begriff er das Gebot der Stunde. Der amerikanische Präsident mußte die Abrüstungsinitiative übernehmen, die Vereinigten Staaten mußten auf die europäische Linie einschwenken – im Hinblick auf die überflüssige Modernisierung der nuklearen Kurzstreckenraketen wie generell bei der Beurteilung und Behandlung der Vorgänge in Osteuropa.