Seitdem sich die Öffnung der Grenzen nach Osten abzeichnet, ist der deutsche Kapitalmarktzins kräftig gestiegen. Und zwar ohne Zutun der Bundesbank. Vor allem die institutionellen Anleger haben von sich aus zurückhaltend auf die finanziellen Belastungen reagiert, die auf den deutschen Kapitalmarkt durch die Währungs- und Wirtschaftsunion mit der DDR zukommen werden.

Rein rechnerisch sind sie ohne weiteres verkraftbar. Denn schließlich beträgt die jährliche Ersparnisbildung in der Bundesrepublik 280 Milliarden Mark. Ob dieses Geld aber dorthin fließt, wo es künftig gebraucht wird, steht auf einem anderen Blatt. Das ist letztlich eine Frage der Konditionen.

Sowohl die Großanleger als auch die privaten Sparer sind derzeit verunsichert über die künftige Zinsentwicklung. Daß der Kapitalmarktzins in absehbarer Zeit nennenswert sinken wird, erscheint selbst den Experten als unwahrscheinlich. Bei den großen Banken geht man von Zinsen zwischen 8,5 und 9 Prozent aus. Scheel angesehen werden Außenseiter, die einen Anstieg der durchschnittlichen Umlaufrenditen bis zu 9,5 Prozent für möglich halten. Denn solche Prognosen tragen dazu bei, daß Anleger weiter abwarten, was dem Absatz der Konsortialquoten bei Bundes- und anderen Anleihen alles andere als förderlich ist.

Dem privaten Sparer bleibt in dieser Situation nichts anderes übrig, als sich ein eigenes Urteil zu bilden und nach Anlagemöglichkeiten zu suchen, bei denen selbst im ungünstigsten Fall nur geringe Schäden eintreten können.

Großanleger sind zur Zeit bei Neuabschlüssen darauf bedacht, etwaige Abschreibungen zum Jahresschluß 1990 in möglichst engen Grenzen zu halten. Die hohen Wertberichtigungen, die insbesondere die Versicherer auf ihre Rentenportefeuilles bis 1989 vornehmen mußten, stecken ihnen noch in den Knochen. Deshalb sind Anlagekäufe von dieser Seite immer erst zu beobachten, wenn Renditen von annähernd neun Prozent geboten werden.

Eine Alternative sehen die Großanleger in den Anleihen mit variablen Zinssätzen (Floating-Rate-Notes), die neuerdings auch von Bund, Bahn und Post aufgelegt werden. Da hier der Zinssatz in regelmäßigen Abständen der Kapitalmarktentwicklung angeglichen wird, sind ihre Kurse relativ stabil. Das ist der Preis für die unter dem Marktzins liegende Verzinsung.

Auch bei der privaten Bankkundschaft stoßen die sogenannten Floater auf Interesse. Und zwar immer dann, wenn feststeht, daß in absehbarer Zeit über die angelegten Mittel wieder verfügt werden muß, zum Beispiel bei angesparten Mitteln für den Hauskauf oder Hausbau. Mit ihnen zu spekulieren kann gefährlich werden und alle sorgfältig aufgestellten Finanzierungspläne über den Haufen werden. Deshalb lieber etwas Zinsverzicht und dafür mehr Kurssicherheit.