Von Jürgen Duenbostel

Die neue Anrede Madame oder Monsieur will den Staatsbediensteten im westafrikanischen Benin (früher Dahomey) noch immer nicht automatisch über die Lippen kommen. Schließlich waren sie es fünfzehn Jahre lang anders gewohnt. Bis im vergangenen Dezember ein Schreiben von höchster Stelle auf ihre Schreibtische flatterte: „Marxismus-Leninismus“, so hieß es darin, „ist nicht mehr die offizielle Staatsideologie Benins. Deshalb ist die Anrede ‚Genosse‘ nicht mehr obligatorisch.“

Nach gemeinsamer Konferenz der Revolutionären Volkspartei Benins, der Nationalen Revolutionären Versammlung und des Nationalen Exekutivrats hatte Präsident Mathieu Kérékou verkündet, daß die Einheitspartei künftig vom Staat getrennt und eine neue Verfassung mit Mehrparteiensystem ausgearbeitet werde. Außerdem sollen im Januar 1991 allgemeine Wahlen stattfinden. Und für die Wirtschaft heißt die Parole jetzt: Privatbetriebe und freies Unternehmertum.

Rund 4000 Kilometer südöstlich, in der zuvor strikt planwirtschaftlich geführten Volksrepublik Moçambique, kämpfen noch immer die von Südafrika unterstützten Renamo-Rebellen gegen die Regierung. Doch kürzlich empfing der staatliche Direktor für die Koordinierung von Importen, Fernando Sumbane, vierzig südafrikanische Geschäftsleute und hatte ihnen Ungewohntes mitzuteilen: „Südafrikas Lage ist günstig für Investitionen in unserem Land, und jede Art von Investition ist uns willkommen.“ Beim südafrikanischen Bergbauunternehmen Trans-Natal-Coal stieß das Werben Mocambiques bereits auf Gegenliebe. In einem Joint-venture mit dem Staat Moçambique sowie britischen und brasilianischen Anteilseignern will die Firma neue Kohleminen in der Tete-Provinz im Nordosten des Landes erschließen. Und südafrikanische Reiseunternehmer prüfen zur Zeit, ob aus Mocambiques Halbinsel Baruta ein rentables Touristenzentrum zu machen wäre.

Auch Staatschefs anderer afrikanischer Länder, die bislang treue Anhänger sozialistischer Planwirtschaft waren und multinationale Konzerne als Ausbeuter verteufelt hatten, rollen deren Vertretern inzwischen rote Teppiche aus. Das Bekenntnis zum freien Markt verbreitet sich wie ein Steppenbrand.

Die Volksrepublik Kongo privatisiert die Staatsbetriebe und streicht kräftig den Staatshaushalt zusammen. Bis zum Juni soll eine Kommission darüber hinaus Vorschläge für „demokratische Veränderungen“ vorlegen. Madagaskar, das jüngst einen Putschversuch erlebte, folgte vor nicht allzulanger Zeit noch dem Modell Nordkoreas; jetzt aber fördert es den Privatsektor, liberalisiert den Außenhandel und richtet eine exportorientierte Freihandelszone ein. Auch Tansania läßt freien Handel zu und will private Banken einführen. Das einst sozialistische Guinea-Bissau schwört auf Marktwirtschaft. Selbst Äthiopien setzt neuerdings auf freien Wettbewerb privater Betriebe. Und auch in Angola, so der Vorsitzende der angolanischen Civic Asociation, Joaquim Pinto de Andrade, „sind die Tage des Marxismus-Leninismus gezählt“.