Von Iris Radisch

Im Jahr 1929 haben sie sich kennengelernt. Der beste und der zweitbeste Abschlußkandidat der Pariser Eliteschule Ecole Normale Superieure. Jean-Paul Sartre, dem die Fingerkuppen schmerzten, wenn er noch nicht genug geschrieben hatte, und Simone de Beauvoir, wie Sartre dem Wortwahn von frühester Kindheit an verfallen. Ein Wahn, der sie zu rigiden Arbeitsprogrammen anhielt: kein Tennis am Kindheit griechische Vokabeln beim Mittagessen, ein Arbeitsprogrammen der erleuchteten Art. Was für ein Paar!

Zwei, denen gelungen ist, wovon alle träumen: die Quadratur des Geschlechterzirkels, eine Liebe ohne Mesquinerie, ohne Abwasch, ohne Streit, ohne Heimlichkeiten, ohne Hausfrauengrau und Familienabgrund. Dafür freie Liebhaberwahl, tägliches Kopf-an-Kopf-Denken zwischen Philosoph und Philosophin, gleichberechtigt, „authentisch“, „essentiell“. Ein Märchenstück, das oft nachgespielt wurde, ohne je wieder die Grandezza dieser Uraufführung zu erreichen.

Vier Jahre nach dem Tod der Protagonistin ist in Frankreich nun eine Art Werkstattbericht zu dieser legendären Aufführung erschienen: die Briefe der Simone de Beauvoir an Jean-Paul Sartre aus den Jahren 1930 bis 1963, ergänzt durch ihr Tagebuch aus den Kriegsjahren („Lettres à Sar-. tre“, „Journal de guerre“, Éditions Gallimard, 1990). Zusammen mehr als tausend Seiten, die anders als ihre autobiographischen Werke nicht für die Öffentlichkeit, sondern nur für Sartre bestimmt waren. Die Adoptivtochter der Beauvoir will das Briefpäckchen an einem trüben Novembertag unverhofft im Kleiderschrank ihrer toten Adoptivmutter entdeckt haben. Simone de Beauvoir, die im Jahr 1983 die Briefe Sartres noch selbst herausgab, hatte ihre eigenen Briefe stets für verloren erklärt.

10. September 1937. Simone de Beauvoir ist in Marseille, fühlt sich „ganz poetisch“ und schreibt, sie habe ihren Rucksack in die Gepäckaufbewahrung gebracht, dann für drei Franc ein Kino besucht, der Film habe eineinhalb Stunden gedauert. Das nachfolgende Essen (Rinderfilet mit Kartoffeln, Artischockenherzen) habe sie erneut ganz poetisch gestimmt. Es sei dann bereits halb elf gewesen, und jetzt sei sie gerade dabei, ein Kreuzworträtsel zu lösen. Mehrere Briefe (vermutlich gleichen Inhalts), schreibt sie weiter, seien noch an andere Personen zu schreiben. Briefende: „je vous embrasse tout passionnément. Votre charmant Castor“.

Nächster Brief. 17. September. Wanderreise mit der Freundin. „Wir haben morgens heißen Kaffee im Hotel getrunken und unterwegs köstliche Butterstollen gegessen.“ Dann „haben wir wieder bei Kammerzells gegessen, wo ich aus Appetit und Sparsamkeit gleich zwei wunderbare Zwiebelkuchen verschlungen habe ...“, und so weiter, Brief für Brief, bis zum Ende der Reise, „Ihr charmanter Castor“. Briefe wie aus dem Landschulheim. Geschrieben von Simone de Beauvoir, dreißig Jahre alt, Philosophielehrerin in Paris, adressiert an Jean-Paul Sartre, Philosophielehrer, Autor der „Transzendenz des Ich“, der zu dieser Zeit an seinem ersten Roman „Der Ekel“ arbeitet.

Der posthum Blick in diese Briefe und hinter die Kulissen ihrer nationalen Vorzeigeliebe hat die Franzosen entsetzt. Erstaunt stellen sie plötzlich fest, wie staubig, öde und leer es hinter der bewunderten Bühne ausgesehen hat: Da hängen Stundenpläne und Speisekarten, werden Intrigen gesponnen, wird immer dasselbe und meist das Langweiligste erzählt, wartet man bei Kaffee, Kuchen und kleinen Amouren auf den nächsten Auftritt. „Wer das Leben wirklich liebt, kann diese Briefe nur köstlich finden“, jubelt Josyane Savigneau noch tapfer in Le Monde. „Langweilig, herrschsüchtig, kleinlich“, urteilt etwas beherzter Marianne Alphant in der Liberation: „Das Rennen eines Hamsters im Hamsterrad“ und: „Man hätte die Briefe im Schrank lassen müssen!“

Kleinlich und langweilig. Daran ändert sich auch in den späteren Jahren nichts. Den größten Teil der Briefe richtet Simone de Beauvoir zwischen 1939 und 1941 an den „Soldaten Sartre“, der als Wetterwart an einem stillen Schreibtisch an der Front sitzt, dort bis zu sechzehn Stunden am Tag schreibt und später in deutsche Kriegsgefangenschaft gerät.

Ein neuer Mantel, ein neuer Turban, ein neuer Nagellack (im Heidekraut-Ton), ein Brief aus dem „Dome“, ein Brief aus dem „Vickings“, ein Brief aus der „Milk Bar“, der Gang zur Post. „Ihr charmanter Castor“. Die Welt der Briefe ist eng, ein Wortspiegelsaal. Beschrieben von einer Briefschreiberin, die ins Café geht, um dort einen Brief zu schreiben, in dem stehen wird, daß sie im Café sitzt und einen Brief schreibt und die Szene zu Hause noch ins Tagebuch übertragen muß.

„Ich lebte nur, um zu schreiben“, schreibt sie in ihren Memoiren. Egal was, nur genau muß es sein: Eine Zeichnung verdeutlicht dem Geliebten die Einrichtung ihres Hotelzimmers (Bett, Tisch, Stuhl, Heizung, Tür, Fenster, Nachttisch, Waschbecken), Sartre erhält die Kopie ihres Stundenplans am Gymnasium, ergänzt durch eine „Organisationstafel meines Lebens“. Er erfährt täglich, wann seine Freundin morgens aufgestanden ist, mit wem sie was, wann und wo gegessen, wem sie geschrieben, was sie gelesen, mit wem sie wo und wann in welches Bett gegangen ist und an welcher Zimmerwand es dabei stand. Alles so präzise und pedantisch, als sei die kleinliche Ausführung die natürliche Nachhut des großen Entwurfs, als sei diese minutiöse Buchhaltern ein Netz, das die Absturzgefahr der Liebesutopie verkleinern könnte. Als sei sie ein Gegengift zur Einsamkeit in der großen, kalten Philosophen-Freiheit. Oder auch: ihr Preis.

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Kein Wort über den Krieg: In der Korrespondenz dieses Paares, das in den politischen Debatten der Nachkriegsjahre in Frankreich eine führende Rolle spielen wird, haben die Ereignisse des Tages keinen Platz. Während der Heidegger-Schüler Sartre in seinen Briefen im existentialistischen Jargon bedeutsam, aber vage über das „Im-Krieg-Sein“ philosophiert, wird der Krieg bei Simone de Beauvoir überhaupt nur zweimal erwähnt. Im Oktober 1939: „Ich verstehe nichts von der gegenwärtigen Situation.“ Dann, im November 1939: „Können Sie mir nicht eine kleine summarische Geschichte verfassen über das vergangene Jahr, von September bis September, im Hinblick auf die Kriegsbedrohung: etwas sehr Kurzes, aber Klares. Es ist für meinen Roman ... Auf Wiedersehen mein süßer Kleiner, ich umarme Sie ganz zart. Ihr charmanter Castor.“ Soviel zum Zweiten Weltkrieg.

Der charmante Castor und der süße Kleine. Das war nicht, wie es klingt. Und auch nicht, wie es in „Das andere Geschlecht“, dem Hauptwerk der Beauvoir und Standardwerk der Frauenbewegung, zu lesen ist. Einem mehr als tausend Seiten langen Plädoyer für die Frau, die durch ihres Kopfes Arbeit erst werden muß, was der Mann meist schon ist: ein eigener „Entwurf“, unabhängig, selbständig, „transzendent“.

Doch Leben und Standardwerk gehen getrennte Wege: „Ich verdanke Ihnen alles, was ich habe, alles, was ich bin“, schreibt Castor an den Soldaten Sartre zum „10. Hochzeitstag“ und schließt: „Oh, kleines Absolutes, meine Kraft, mein einziges Leben. Ich könnte das ungeheure Glück, mit Ihnen auf einer Welt zu leben, gar nicht teuer genug bezahlen – und sei es mit Ihrem Tod, dem der meine sehr schnell folgen würde.“ Ein Fall von Liebe, wenig selbständig und wenig transzendent. Ganz so, wie die Tochter aus gutem Hause sich das immer gewünscht und in ihren Memoiren beschrieben hat: „Ich würde lieben, sobald ein Mann mich bezwingt durch seine Intelligenz, seine Kultur, seine Autorität.“

Die Bedingungen der Möglichkeit ihrer Liebe hat das Philosophen-Paar von Anfang an genau festgelegt: vollkommene Freiheit, Polygamie mit Berichterstattungspflicht, Eifersuchtsverbot. Vor allem: Haupt- und Nebenliebe mußten streng getrennt werden. Aus der Hauptliebe durfte nie die Nebenliebe, aus den Nebenlieben nie die Hauptliebe werden. Der Bestand der Hauptliebe wurde in der ersten Zeit durch entsprechende Vertragsabschlüsse jeweils auf zwei Jahre garantiert. Aus diesem Grundaxiom entwickelten die beiden eine komplizierte Liebesarithmetik.

Die Briefe aus den Kriegsjahren präsentieren eine geradezu akrobatische Rechnung mit zwei Konstanten, fünf Variablen und drei bis vier Rechenarten. Beteiligt sind neben den beiden Hauptliebenden der Nebenliebhaber der Beauvoir, dessen Nebengeliebte und spätere Ehefrau (gleichzeitig Nebengeliebte der Beauvoir und erste Nebengeliebte Sartres), Sartres Nebengeliebte zwei und drei (beide gleichzeitig Nebengeliebte der Beauvoir) und Nummer vier, Exclusiv-Nebengeliebte der Beauvoir. Sieben Menschen, zehn Liebschaften, verknüpft zu einer komplizierten Hierarchie der Enthüllungen und des Verschweigens. Das Ganze vom charmanten Castor im trockenen, präzisen Landschulheimmädchen-Ton erzählt, der jedoch – wenn es um die gemeinsamen jungen Geliebten geht – durchaus auch die Bässe einer Altherren-Fachsimpelei zu bedienen versteht: „Vedrine hat mich leidenschaftlich empfangen“, berichtet sie Sartre, „wir haben bei ‚Knam‘ gegessen, uns unterhalten, ich habe bezahlt, war gutgelaunt ... Wir sind zu ihr gegangen, haben uns ins Bett gelegt, ein wenig unterhalten, sind dann zu Umarmungen übergegangen ... leider habe ich wenig geschlafen, denn sie bewegt sich viel und schnarcht, was ihr aber gut steht. (...) Wenn Sie Ihre Geschichte mit ihr beenden wollen“, rät sie Sartre weiter, „dann drosseln Sie langsam die Leidenschaft in den Briefen, bereiten Sie ihr ein kaltes Wiedersehen et cetera.“ Bei einem harten Bruch befürchtet Castor „einen leidenschaftlichen Ausbruch, vor allem der Sexualität“.

Über die einzige junge Frau, die sich Castor nicht mit Sartre teilt, berichtet sie nach einem Besuch: „Sorokine kam ..., zog mich aufs Bett und schluchzte ... dann nach ungefähr einer Stunde hat sie meine Hand an bestimmte Stellen ihres Körpers geführt, woraufhin sie aber nervös und mißtrauisch wurde ... sie ist wirklich eine ‚grüne Frucht‘ ... plötzlich sagte sie auf französisch ‚Ich liebe Sie so sehr, so sehr‘ – es hilft alles nichts, ich bin in die Geschichte verwickelt, ... aber sie langweilt mich.“

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Die beiden Philosophen bestimmen die Spielregeln ihres libertinen Arrangements. Der Nebenliebhaber weiß von Sartre (weint mit der Beauvoir über dessen Schriften), Sartre vom Nebenliebhaber (und leitet an ihn freundlich die Buchgeschenke der gemeinsamen Geliebten weiter). Kein Problem. Die Nebenliebhaberin zwei weiß nichts von der Hauptliebhaberin ihres Nebengeliebten. Mittleres Problem. Die Exclusiv-Nebengeliebte vier weiß nichts von den Nebengeliebten zwei und drei. Die Nebenliebhaberinnen eins und zwei wissen von Beauvoir-Sartre, aber nichts voneinander. Großes Problem beim Fronturlaub Sartres: zu wenig Zeit für zu viele Frauen. Die Folgen: ein mühsam ausbalanciertes (und in den Briefen in extenso dokumentiertes) Rendezvous-System – getarnte Reisen, arrangierte Treffen, Intrigen und Heimlichkeiten –, was immer eine solche Versuchsanordnung ermöglicht. Und: Worte.

Das leidenschaftslose Zehnecksverhältnis ist vor allem eins: die Probe aufs Buch. Sartre arbeitet seit 1939 an dem Romanzyklus „Die Wege der Freiheit“, Simone de Beauvoir seit 1938 an dem Roman „Sie kam und blieb“ – einer Beschreibung des Einbruchs der „anderen“ in das Universum eines Paares. Die gefahrlosen Liebschaften, von den beiden Autoren mit Bedacht und kühlem Geschick inszeniert, sind Studien am lebenden Beispiel. Stoff zum Schreiben. Ansonsten „hübsch an ihrem Platz in meinem Leben“.

Ein Platz, in Wahrheit alles andere als hübsch. Trotz der kostenlosen Unterrichtsstunden über Descartes und Moralphilosophie, trotz der finanziellen Unterstützung, die alle Versuchsteilnehmer großzügig genossen. „Wenn ich diesen Abfall sehe“, resümiert die charmante Briefschreiberin am 7. Oktober 1939 ihre gesammelten Liebschaften, „all diese liebenswerten und schwachen kleinen Personen wie Vedrine und Kos et cetera, dann tut es mir gut zu denken, wie solide wir doch sind, Sie und ich.“

Solide, poetisch, charmant. Simone de Beauvoir war die femme modele einer ganzen Frauengeneration. Tausend Briefseiten später steht sie etwas steif auf ihrem Sockel: die Mundwinkel noch immer verkniffen, der Turban ein wenig verrutscht.