Europa 1945: ein Trümmerhaufen – physisch, moralisch, politisch. Doch die Erinnerung daran wird heute, da das Projekt eines Neuen Europas Konturen gewinnt, verdrängt. Eine fatale Strategie, wie Hans Magnus Enzensberger meint, denn es zeigt sich, daß damals auch die Keime zu künftigen Konflikten gelegt wurden. In seinem neuen Buch „Europa in Trümmern“, das Ende Juni im Eichborn Verlag erscheint, hat er Berichte aus jenen Jahren gesammelt: ein historisches Gegenstück auch zu seinen eigenen Europa-Reportagen.

Kurz bevor ich Luanda verließ, war ich von amerikanischen Freunden in ein Schwarzmarktrestaurant eingeladen worden. Wir aßen draußen. Die Gäste machten alle mehr oder weniger den Eindruck, als verdienten sie selber am schwarzen Markt. Ich saß mit dem Rücken zum Geländer. So hatte ich gar nicht gemerkt, daß sich Leute hinter uns angesammelt hatten, die uns das Essen vom Teller zu fischen versuchten. Sofort schickte das Management einen Gorilla hinaus, der eine alte Frau mit einem Schlag vor den Kopf zu Boden warf und die Menge zurückdrängte, meist Frauen und Kinder. Einige von ihnen gingen weg, während andere aus sicherer Entfernung stumm auf unser Essen starrten.“

„Hier in Beirut liegen Flüchtlinge auf allen Treppen, und man hat den Eindruck, sie würden nicht aufschauen, wenn mitten auf dem Platz ein Wunder geschähe; so sicher wissen sie, daß keines geschieht. Man könnte ihnen sagen, hinter dem Libanon gebe es ein Land, das sie aufnehmen werde, und sie sammelten ihre Schachteln, ohne daß sie daran glaubten. Ihr Leben ist scheinbar, ein Warten ohne Erwartung, sie hängen nicht mehr daran; nur das Leben hangt noch an ihnen, gespensterhaft, ein unsichtbares Tier, das hungert und sie durch zerschossene Straßen schleppt, Tage und Nächte, Sonne und Regen; es atmet aus schlafenden Kindern, die auf dem Schutte liegen, ihren Kopf zwischen den knöchernen Armen, zusammengebückt wie die Frucht im Mutterleib, so, als wollten sie dahin zurück.“

„Nun wütet der Bürgerkrieg in El Salvador schon seit Jahren, und ein Frieden ist nicht in Sicht. Immer wieder sah es so aus, als hätte die Regierung einen entscheidenden Sieg errungen; doch kam die Guerilla immer wieder aus ihren Verstecken, und heute ist sie kaum schwächer als zuvor. Man darf nicht vergessen, daß ihre Führung anfangs nur über etwa achttausend Leute verfügte; heute schätzt man ihre Anhänger auf über zwanzigtausend, und dies trotz ihrer erheblichen Verluste.“

„Das Unheimliche an diesem Ort im Norden von Sri Lanka ist nicht, daß dich jemand überfallen könnte, wenigstens nicht bei Tag; sondern die Gewißheit, daß unsereiner, plötzlich in dieses Leben ausgesetzt, in drei Tagen untergehen würde. Auch dieses Leben, man spürt es genau, hat seine Gesetze; sie kennenzulernen braucht Jahre. Ein Wagen mit Polizisten; plötzlich stiebt alles auseinander, andere bleiben stehen und grinsen, ich schaue zu und habe keine Ahnung, was gespielt wird. Vier Burschen, drei Mädchen werden verladen; sie hocken sich zu den andern, die schon anderswo geschnappt worden sind, gleichgültig, undurchsichtig. Die Polizei hat Helm und Maschinenpistole, also die Macht, aber keine Ahnung. In der Zeitung gibt es eine Spalte für tägliche Überfälle; es kommt vor, daß man eine kleiderlose Leiche findet, und die Mörder stammen regelmäßig aus dem andern Lager. Ganze Quartiere ohne ein einziges Licht. Ein Hügelland von Backstein, darunter die Verschütteten, darüber die glimmernden Sterne; das Letzte, was sich da rührt, sind die Ratten.“

Berichte aus der Dritten Welt, wie wir sie jeden Tag zum Frühstück lesen können. Nur die Ortsangaben sind gefälscht. Die Schauplätze, um die es geht, sind nämlich nicht Luanda und Beirut, San Salvador und Trincomalee, sondern Rom und Frankfurt am Main, Athen und Berlin. Ganze fünfundvierzig Jahre trennen uns von Zuständen, die wir für afrikanisch, asiatisch oder lateinamerikanisch zu halten uns angewöhnt haben.

Europa war am Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nur physisch ein Trümmerhaufen; auch sein politischer und moralischer Bankrott schien vollkommen. Nicht nur den besiegten Deutschen schien ihre Lage aussichtslos. Als Edmund Wilson im Juli 1945 nach London kam, traf er die Engländer im Zustand kollektiver Depression an. Über der Stadt lag eine Stimmung, die ihn an die Trostlosigkeit Moskaus erinnerte: „Wie leer, wie krank, wie sinnlos alles plötzlich geworden ist, nachdem der Krieg vorbei ist! Nun, da wir keinen Gegner mehr haben, der uns ablenken konnte, sind wir auf unsere ärmliche und demütigende Existenz zurückgeworfen. Weil wir unsere ganze Kraft auf die Zerstörung verwandt haben, konnten wir zuhause nichts aufbauen und kehren nun in eine ruinierte Welt zurück.“