Ob die Oberammergauer ahnen, daß schon mit der ersten Szene in ihrem Passionsspiel auch sie selbst gemeint sein könnten? Gleich zu Beginn des Laienspiels vom Leiden und Sterben Christi verjagt Jesus die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel von Jerusalem. „Was sehe ich hier?“ fragt er voller Zorn die Geschäftemacher und wirft ihre Tische und Auslagen um. „Ist das Gottes Haus? Oder ist das ein Marktplatz?“ Käme der gestrenge Jesus heute nach Oberammergau, wo gerade wieder Passionsspiele über die Bühne gehen, er würde vermutlich ...

Lassen wir offen, was er sagen würde, angesichts des Geschäfts, das hier gemacht wird. Alle Vorstellungen sind längst ausverkauft, der Fremdenverkehr blüht ebenso wie der Schwarzmarkthandel mit den begehrten Eintrittskarten – und das weltweit. „Das ist doch wie an der Börse“, so ein Bürger des Dorfes, das 5000 Einwohner zählt. Alle Beteiligten räumen zwar ein, welch lukratives Spektakel mit dem alle zehn Jahre aufgeführten Passionsspiel verbunden ist. Nur wollen sie es – um Gottes willen – nicht so nennen. „Wir machen nicht das große Geschäft“, sagt der Bürgermeister Klement Fend. „Wir machen nur das Geschäft, das notwendig ist.“

Doch auch das hat sich vom alten Sinn des Passionsspiels bereits um Lichtjahre entfernt. Denn 1633 taten die von der Pest gestraften Oberammergauer den Schwur, alle zehn Jahre die Passion aufzuführen, wenn nur das Sterben ein Ende habe. Daß sie sich an diesen heiligen Eid aber noch heute gebunden fühlen, hängt nicht nur mit der tiefen Religiosität der Oberländer zusammen, sondern auch mit ihrem Sinn fürs Praktische.

Das Passionsspiel ist als religiöses Großspektakel längst zum Rückgrat der Dorfwirtschaft geworden. Ohne die Passion ginge in Oberammergau nichts, wären Schwimmbad („Wellenberg“) oder Kurhaus nicht zu bezahlen gewesen. In den Anfängen wurde Christus in nur einer Aufführung – stets am Pfingstmontag auf dem Kirchhof – für die Dörfler ans Kreuz genagelt. Später gab es dann noch eine Darbietung für die Nachbarorte. Doch seit der Fremdenverkehr Einzug hielt, stoppt den Spieltrieb nichts mehr.

So gibt es in diesem Jahr zwischen Mitte und Ende September knapp hundert Aufführungen. 450 000 Zuschauer aus aller Welt werden erwartet, die allein mit ihren Eintrittspreisen von 65 und 95 Mark der kleinen Gemeinde schon einen Umsatz von vierzig Millionen Mark bescheren. Aber auch die Hotels und Wirtshäuser rund um das Festspielgeschehen sind dabei. Die Gemeinde vergab – zentral gelenkt – zwei Drittel der Eintrittsbilletts nur in Verbindung mit wenigstens einer oder zwei Übernachtungen in Oberammergau oder der Umgebung – zu Preisen zwischen 230 und 540 Mark. Selbst der Ladenschluß, der in Deutschland üblicherweise mit alttestamentarischer Härte verteidigt wird, gilt im Passionsdorf nicht während der Spielzeit. Sogar die modernen Geldwechsler halten ihre Bankschalter am Sonntag geöffnet.

Weil Passionsgewinne nur alle zehn Jahre möglich sind, mag die Verlockung groß sein, über die Strenge zu schlagen. So verschacherten ein Hotelier und ein Reisebürobesitzer in Millionenhöhe Eintrittskarten für Plätze, die es gar nicht gibt. Das brachte nicht nur das Dorf ins Gerede, sondern rief auch den Anwalt auf den Plan. Der Bürgermeister aber wäscht seine Hände in Unschuld. „Andere verdienen sich mit der Passion dumm und dämlich“, schimpft er mit heiligem Zorn und stellt sich vor seine Bürger. „Wir haben mit den Geschäftemachern nichts zu tun.“ Schnell wird verbreitet, daß der sündige Hotelier aus Ingolstadt stammt und daß der profitgierige Reisebürobesitzer, der zwar gebürtiger Oberammergauer ist, schon seit ewigen Zeiten in Innsbruck lebt.

Denn so viel muß klar sein: Die wahren Oberammergauer haben ihre Prinzipien. Das ist unter anderem daran zu erkennen, daß sie die regelmäßig wiederkehrenden Millionen-Dollar-Angebote aus Hollywood stets ablehnten. Die amerikanischen Filmemacher wollen nämlich das Massenspiel der 2000 Mitwirkenden per Video vermarkten. Und das geht dann doch wohl zu weit. Die Sorge Gerhard Ostlers, der im Passionsdorf fürs Wirtschaftliche zuständig ist und als Manager der Spiele bezeichnet werden kann, ist eindeutig: Wenn es Filme von den Spielen gibt, kommen weniger Leute nach Oberammergau, und „dann ist doch die Einmaligkeit des Passionsspiels im Eimer“. Karl-Heinz Büschemann