Mancher hatte vermutet, der sowjetische Staatspräsident werde sein Treffen mit George Bush wegen der Misere im sowjetischen Haus noch in letzter Minute abblasen. Aber nun ist er gefahren – trotz Jelzin, Litauen, Armenien, Wirtschaftschaos – und zeigt sich in altem Selbstbewußtsein.

Wie gravierend die Krise im Sowjetreich ist, wird Gorbatschow besser wissen als alle Kritiker und Chronisten. Aber so schlimm, daß er deshalb seine Amerika-Reise hätte stornieren müssen, ist die Krise offenbar nicht. Der Präsident der Sowjetunion ist nicht der Potentat eines wackligen Entwicklungslandes, der einen Putsch befürchten muß, wenn er sich in die Ferne begibt. Er bleibt der Präsident einer Großmacht, mit allerhand Problemen zwar, aber auch mit Atomwaffen. Und er ist noch immer der vertrauenswürdigste Vertreter seines Landes auf der Weltbühne.

Gorbatschow brauche, so schrieb ein amerikanischer Moskau-Korrespondent, von Bush und den Amerikanern vor allem Streicheleinheiten. Hinter diesem Urteil steckt eine falsche Trennung von Person und Amt. Gewiß wird es Gorbatschow wohltun, in Amerika noch einmal jene Popularität zu spüren, die ihm zu Hause längst nicht mehr zuteil wird. Aber nicht er, sondern sein Land braucht Zuspruch, Anerkennung und Achtung, wenn es den mühsamen Weg aus der Krise in die Zukunft finden will.

Das Treffen in Washington bezeugt, daß die Sowjetunion von der Weltmacht Amerika ernst genommen wird, allen zum Trotz, die den Untergang des russischen Reiches prophezeien. Das ist eine wichtige, richtige Demonstration der Vernunft. Eine Sowjetunion, die sich an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt sähe, wäre eine Quelle großer Gefahr, mit und erst recht ohne Gorbatschow. -cb-