Gorbatschows Gesprächsangebot entzweit die Litauer

Von Ina Navazelskis

Wilna Ende Mai

Der Platz vor dem litauischen Parlament in Wilna lag verlassen da. Nur ein paar Metallgitter, die den Eingang abriegeln, erinnerten noch an die Demonstrationen in den vergangenen Wochen. Zwischen die Gitterstäbe waren zwei handgeschriebene Zettel geklemmt. „Habt keine Angst, gebt nicht auf“, ermutigte der eine. „Durch die Blockade zur Freiheit – durch den Stillstand zur Sklaverei“, warnte der andere.

Nur eine Handvoll Abgeordneter las die an sie adressierten Botschaften an diesem Tage. Sie haben solche Ermutigungen ohnehin nicht nötig, schließlich bewegen sie dieselben Sorgen und Hoffnungen. Wie jeden Freitag waren die meisten der 141 Parlamentarier in ihren Wahlkreisen unterwegs auf allwöchentlichen Begegnungen mit den Wählern. Es blieb ruhig im Parlament, an diesem Tag fanden keine Plenarsitzungen statt.

Es war eine unheimliche Ruhe für ein Land, dessen wirtschaftliche und politische Krise sich gefährlich zuspitzt. Das elfköpfige Parlamentspräsidium setzte beim morgendlichen Treffen die jüngste Hiobsbotschaft aus Moskau nicht einmal auf die Tagesordnung: Staatschef Gorbatschow hatte eine Offene der litauischen Volksvertreter vom 23. Mai, in der die Litauer Kompromisse angeboten hatten, verworfen.

Das hieß jedoch keineswegs, daß das Thema nicht diskutiert wurde. Denn zwei Emissäre Litauens – Forstwirtschaftsminister Vaidotas Antanaitis und der Abgeordnete Romas Gudaitis –, die sich am Vortag mit Präsident Gorbatschow getroffen hatten, waren bereits nach Wilna zurückgekehrt. Am frühen Nachmittag unterrichteten sie Präsident Landsbergis und eine Handvoll Parlamentarier über ihre Gespräche.