Von Maria Gazzetti

„Der Mensch wird nicht geboren, sondern erzogen.“ Erasmus von Rotterdam

Der junge selbstherrliche Sade hielt sein Triebleben für eine Laune der Natur, für „unabänderlich“ und „unheilbar“: „Im Mutterschoß entstehen die Organe, die uns empfänglich machen für diese oder jene Eigenwilligkeit ...; so sehr die Erziehung sich auch müht, sie wird nichts mehr daran ändern.“ So entschied Sade die ewige Frage: Was ist Erziehung, was Vererbung?

Freuds Erkenntnis, daß die Anomalien durch das Unbewußte regiert werden, war Sade längst vertraut – allerdings hat er diese Kräfte nicht durch Kultivierung zu bekämpfen und zu lenken versucht, sondern gewissermaßen als naturgegeben bejaht. Sade kämpfte um das Recht, so zu sein, wie er war: böse und ohne Schuld. Und wenn die Gesellschaft seine Natur als das Böse bezeichnete, so bestand er – im Unterschied zu Jean-Jacques Rousseau – darauf, daß der Mensch eben nicht von Natur aus gut sei.

Donatien-Alphonse-Frangois Marquis de Sade wurde am 2. Juni 1740 geboren. Er stammte aus einem alten provenzalischen Geschlecht und war durch seine Mutter mit dem königlichen Hause Bourbon verwandt. Als neunzehnjähriger Offizier führte er in Paris ein ausschweifendes Leben. Er empfand die Libertinage als ein Privileg seiner Klasse. Auch die vom Vater erzwungene Heirat führte ihn nicht in ruhigere Bahnen. Der dunkelblonde, anmutige, hochmütige, elegante Mann soll mehrere Liebesnester unterhalten, Freudenmädchen zu Fesselungen und Peitschenhieben mit Gerte und Knotenstrick gezwungen haben.

Sade wurde mehrmals wegen „unerlaubter Exzesse“, wegen Flagellation, Gotteslästerung und unnatürlichem Geschlechtsverkehr (damals schlicht Sodomie genannt) verhaftet. Die Aufenthalte in seinem Schloß La Coste in der Provence, in das Sade sich auf königlichen Befehl zurückgezogen hatte, in dem er großzügige Feste und Theateraufführungen organisierte und seine Schwägerin liebte – diesmal eine romantische Affäre –, wurden von der Polizei überwacht. Im Januar 1777 verließ Sade unvorsichtigerweise sein Schloß und kehrte nach Paris zurück, obwohl er wieder in einen Skandal verwickelt war und von der Polizei gesucht wurde. Fünf Tage später wurde er verhaftet. Von seinem 37. bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahr saß Sade im Gefängnis von Vincennes und in der Bastille.

Schon nach wenigen Wochen Haft schrieb er an seine Schwiegermutter: „Vom Grund ihre Grabes ruft mich meine unglückliche Mutter, es scheint mir, daß sie dort zum zweiten Mal ihren Schoß öffnet und mich auffordert, dorthin zurückzukehren, als dem einzigen Asyl, das mir bleibt.“