Von Peter C. Hubschmid

Wenn ein Monarch Geburtstag feiert, heißt das noch lange nicht, daß er an diesem Tag tatsächlich Geburtstag hat. Die Königin von England etwa mag sich nicht den Launen des Aprilwetters aussetzen und läßt darum ihre Garde im Juni paradieren.

Gaston Lenôtre gilt als „König der Konditoren“, wie in der von seinem Unternehmen herausgegebenen Pressemappe bescheiden in Anführungszeichen vermerkt wird. Gaston, dessen Reich nicht auf Paris, nicht auf Frankreich beschränkt ist, vollendete am 28. Mai sein siebzigstes Lebensjahr.

Der Anlaß wurde in all den Landen begangen, die Lenôtre mit knusprigen Croissants, buttrigen Kuchen, zartschmelzenden Pralinen und anderen (Er-) Zeugnissen feinster gallischer Lebensart versorgt. So in Hamburg, wo G. L. seit einigen Wochen mit seiner ersten nicht von einem Lizenznehmer, sondern in Eigenregie betriebenen ausländischen Filiale in der neuesten, glitzerndsten Einkaufspassage der City vertreten ist.

Das der Einladung beigegebene Programm sah als ersten Punkt für 13 Uhr am 21. Mai „Taufe der neuen Boutique mit Mr. LENÖTRE“ vor. Der Mr. Lenôtre, der die Gäste begrüßt und das Tablett mit delikaten Canapés herumträgt, ist freilich nicht Gaston, sondern sein Bruder Marcel – ein König kann sich schon mal von der nächsten Verwandtschaft vertreten lassen.

Dem Berichterstatter gelingt es, dem ein Jahr und zwei Tage jüngeren Bruder das Geheimnis von Gastons Geburtsdatum zu entlocken. In der kommenden Woche stehe beim Chef eine Amerikareise an, deshalb werde vorgefeiert, erklärt Marcel leicht verlegen.

So sollen die auserwählten Chronisten noch am selben Abend an dessen Tafel sitzen: „20 Uhr privates Diner mit Gaston LENÖTRE in seinem Restaurant ÉLYSÉE LENÖTRE“ heißt es in der Einladung.