Zu den vielbeachteten Einrichtungen dieser Welt gehört die Interparlamentarische Union (IPU) nicht gerade. Sie ist ein Zusammenschluß der Legislativen aus Ost und West, aus der ersten, zweiten und dritten Welt. Vorige Woche tagte die IPU im schönen Bonn. Hans-Dietrich Genscher und Helmut Kohl gaben sich die Ehre. Ihre Reden gingen wohl eher an den Herzen der Hörer vorbei: sehr eurozentrisch, zu sehr beschäftigt mit Deutschland.

In den Ausführungen des Kanzlers erregte eine Passage die Aufmerksamkeit der Chronisten. Kohl widmete sich den Lektionen der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts und leitete Stabilität und Sicherheit in Europa aus den festen Bindungen ab, in denen Deutschland lebt. Die Quintessenz: „Wenn es (Deutschland nämlich) hingegen aus großsprecherischer Verblendung oder verbrecherischer Hybris nationalistische Sonderwege wählte oder wenn es nach verlorenen Kriegen von den ehemaligen Gegnern in die Isolierung gezwungen wurde, dann waren Unfrieden, Instabilität und Unsicherheit für ganz Europa die unmittelbare Folge.“ Und jetzt kommt’s: „Es darf kein zweites Versailles geben. Ich bin Präsident Gorbatschow dankbar, daß er diese Schlußfolgerung gezogen hat.“

Schon über Teil eins ließe sich einiges sagen. Nebenbei werden ja Kriegstreiber und Friedensmacher auf eine Stufe gestellt.

Bei Teil zwei fragt man sich, was diesmal wieder den Kanzler geritten haben mag. Soll da die Legende aufgefrischt werden, von Versailles führe eine gerade Linie gen 1939? Und: Der neue, gute Friede nach 1945 kam ja wohl zunächst ohne deutsches Zutun zustande, geschweige denn, daß in heutigen Zeiten ein zweites Versailles drohend im Raum stünde. Oder soll der ominöse Satz suggerieren, aus aggressiver Verzweiflung würde ein geeintes Deutschland, gesetzt den Fall, es wäre von Moskau verdammt zur Neutralität, den dritten Weltkrieg vom Zaune brechen?

Vergleiche hinken, man weiß es. Sie hinken besonders schrecklich, wenn sie im Kanzleramt ausgebrütet werden.

Wieder ist ein Buch erschienen, herausgegeben von zwei Journalisten, Helmut Herles (FAZ) und Ewald Rose (freischaffend), Gegenstand: Der Runde Tisch in Ost-Berlin, der den beiden seine Protokolle zum Abdruck überlassen hat. Dieses Buch hat einen besseren Vorläufer. Darin ließen sich die Diskussionen am Runden Tisch nachlesen. Diesmal geht es lediglich um die Ergebnisse der sechzehn Sitzungen. Eine Enzyklopädie aus der Übergangszeit also, handelnd von den Kinderbetreuungsplätzen und der Militärreform, vom Umweltschutz in Grenzgebieten und von einer Erklärung zum fairen Wahlkampf.

Die Autoren steuern eine teils ärgerliche, teils alberne Einleitung bei. Ist es wirklich nur eine ironische Pointe, daß Honecker bei der Kirche Unterschlupf fand? Wird man dem Runden Tisch gerecht, wenn man seine Forderungen an die Bonner Regierung zu einer „Tischlein-deck-dich-Utopie“ herunterkalauert?