Eines der Hauptargumente der Äthiopier für die Einverleibung Eritreas war und ist die Behauptung, Eritrea sei ethnisch-kulturell und politisch-territorial seit Jahrtausenden Bestandteil eines „Größeren Äthiopien“ gewesen. Das heute als Eritrea bekannte Gebiet war bis zur italienischen Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert in eine Vielzahl von lokalen Stammesherrschaften und Fürstentümern gegliedert, die wechselnden Souveränen unterstanden. Mithin war Eritrea ebensowenig ein unabhängiges Staatswesen wie ein politischstaatlicher Bestandteil des äthiopischen Reiches, das in seiner jetzigen zentralistischen Gestalt ja auch erst im 19. Jahrhundert entstand. Das moderne Eritrea ist ausschließlich ein Produkt des italienischen Kolonialismus.

Mit dem Beginn der Föderation von Äthiopien und Eritrea im November 1952 schien klar zu sein, daß Addis Abeba die Eigenständigkeit der Provinz nicht tolerieren würde; zu kraß waren die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gegensätze zwischen den neuen Partnern. Der kaiserlichen Autokratie standen die bürgerlich-demokratischen Freiheitsrechte und Organisationsformen der Eritreer gegenüber, der noch weitgehend feudalistisch-traditionalen Gesellschaft Äthiopiens die vom Kolonialismus stark durchkapitalisierte und teilindustrialisierte Gesellschaft Eritreas mit ihrem hohen Arbeiter- und Kleinbürgeranteil.

So begann die äthiopische Zentralgewalt systematisch auf die Aushöhlung und schließliche Aufhebung der eritreischen Föderationsrechte hinzuarbeiten. Die bürgerlichen Freiheiten wurden nacheinander zunächst eingeschränkt, dann abgeschafft, die Presse, die Gewerkschaften und die Parteien unterdrückt und verboten, unbequeme Politiker verhaftet oder ins Exil gedrängt und das eritreische Parlament durch eine Mischung aus Einschüchterung und Korruption gefügig gemacht.

Mit dieser politischen Repression ging der amharische Kulturimperialismus einher: Als einzige Verwaltungs- und Schulsprache war Amharisch zugelassen, währen Tigrinya und Arabisch verboten wurden. Im Jahre 1958 wurde die von den Vereinten Nationen verliehene eritreische Flagge eingeholt und durch die äthiopische Fahne ersetzt. Am 14. November 1962 schließlich erklärte Äthiopien die Föderation für null und nichtig und verleibte sich Eritrea als vierzehnte Provinz ein.

Wie ist diese Annexion politisch und völkerrechtlich zu beurteilen? Politisch zog Äthiopien nur einen formellen Schlußstrich unter die von Beginn der Föderation an verfolgte Strategie der Unterminierung der eritreischen Eigenständigkeit. Internationale Proteste gegen die äthiopische Annexion Eritreas, etwa von Seiten der Vereinten Nationen, der Supermächte oder der Dritten Welt, blieben aus. 1953 hatte Äthiopien einen Vertrag mit den USA abgeschlossen, die sich zudem im Jahre 1960 in einer Geheimabsprache zur Wahrung der territorialen Integrität des äthiopischen Staates verpflichteten.

Als Mitbegründer der Blockfreienbewegung im Jahre 1961 und der Organisation für die Einheit Afrikas (mit Sitz in Addis Abeba) im Jahre 1963 hatten sich Äthiopien und dessen Kaiser zudem hohes diplomatisch-politisches Prestige in der Dritten Welt erworben, das sicherlich dazu beitrug, in den Vereinten Nationen keine Kritik an der äthiopischen Annexion Eritreas aufkommen zu lassen.

Nach verschiedenen völkerrechtlichen Analysen muß diese Annexion eindeutig als illegal angesehen werden. Allerdings ist nach Auffassung von Albert Strick „Eritreas derzeitiger Status als äthiopische Provinz so rechtswidrig, wie es ein mit Gewalt von den Befreiungsfronten durchgesetztes unabhängiges Eritrea wäre“. Vom völkerrechtlichen Standpunkt aus dürfe „Eritrea also weder eine äthiopische Provinz noch ... einen unabhängigen Staat darstellen. Statt dessen müßte die niemals rechtswirksam aufgelöste Föderation Eritreas und Äthiopiens beibehalten werden.“