Im Schloß hört man Trompeten. Es kommt der König, der alte Lear, und teilt sein Reich auf. Bei Shakespeare steht am Anfang der Tragödie: „Die Szene ist in Britannien.“

Bob Wilsons „Lear“-Ensemble erscheint auf der Bühne des Bockenheimer Depots, einer Dependance des Frankfurter Schauspiels, in einem großen, leeren, schwarzen Raum. Sein Horizont ist eine Leinwand, ein weißer Lichthimmel. Davor stellen sich in einer geheimnisvollen Ordnung die Schauspieler auf, Ununterscheidbare. Sie tragen blaue Gewänder und stehen jetzt nicht mehr auf britannischem Boden: Die Szene ist der blaue Planet.

Ist da kein Schloß mehr für den König? Früher schaute man romantisch zum Mond hinauf. Wilson schaut zurück. Die Erde, vom Mond aus betrachtet: ein Luftschloß, Lears blauer Palast.

Es ist an diesem Abend von Anfang bis Ende ein Raunen und Tönen in der Luft. Ein Pfeifen und Flöten, Tierstimmen, Paukenschläge und Donner. Später wird diese Sphärenmusik mit den Schauspielern ihren Spaß treiben, sie wie ein Wirbelwind über die Bühne jagen.

Ton und Licht, light and sound, sind von Anfang an die Protagonisten. Die Blauen, die in die Ferne und in den Himmel starren, Shakespeares Personen sind in dieser Szene entrückt, in Trance und mit magischen Handbewegungen beschäftigt. Die Tragödie liegt hier in der Luft, in den Tönen. Diese Partitur könnte der Rest vom Großen Mechanismus sein, der Shakespeares Menschen betört oder zermalmt.

So beginnt Wilsons „Lear“. Das Licht entscheidet, wer der König ist. Ein Gesicht leuchtet auf: hart, bleich, maskenhaft. Ein altes Gesicht, aber die müden, traurigen Augen so groß, daß man sie für Kinderaugen hält. Das Gesicht sagt ein englisches Gedicht auf, kein Shakespeare-Sonett, sondern einen Text von William Carlos Williams: „The last words of my English grandmother“. Es handelt vom Tod einer alten Frau, die man ins Krankenhaus bringt: „Oh, oh, oh! She med / as the ambulance men lifted / her to the stretcher ...“ Au! schreit sie, während die Sanitäter sie auf die Bahre heben. Durch das Wagenfenster sieht sie eine Ulmenallee: „What are all those / fuzzylooking things out there? / Trees? Well, I’m tired / of them and rolled her head away.“ („Was ist das für ein flaumiges Zeug / da draußen? Bäume? Geht, / ich will nichts mehr davon wissen, / und drehte den Kopf weg.“)

Wenn Lear näher kommt, sich an der Rampe sein Zepter holt, erkennt man in ihm eine Leidensgefährtin der alten Frau im Krankenwagen. Wilsons Lear, gespielt von Marianne Hoppe, ist gerade dabei, den Kopf wegzudrehen. „Well, I’m tired.“ Das Rot des Königsmantels ist so fahl wie das Blond der glatt zurückgekämmten Haare. Sie sind strähnig und ungepflegt, als hätte die Alte ein langes Krankenlager hinter sich. Man könnte glauben, Lears Witwe ginge im Morgenmantel durch ein Krankenzimmer, das Zepter ihre Krücke.