Von Volker Hage

Ihr ist nichts vorzuwerfen. Sie hat nie ein Amt bekleidet, sie hat sich nie danach gedrängt, in einem Verband den Vorsitz zu führen, sie hat sich nicht einmal um die Rolle beworben, die Grand Lady der Literatur zu werden. Sie ist berühmt geworden, weltberühmt. Durch öffentliche Auftritte? Durch politische Parolen? Durch üble Nachrede? Nein, nur durch eines: durch ihre Arbeit, durch die Literatur.

Christa Wolf wurde zur wichtigsten Schriftstellerin der DDR und so – nolens volens – zu einer moralischen Instanz. Wo sie las, waren die Säle voll, wenn sie auf Fragen antwortete, lauschte das Publikum begierig, wenn die Menschen nicht weiterwußten, schrieben sie ihr Briefe. Sie hatte keine Antworten zu bieten. Aber sie ließ Fragen zu. Und sie selbst öffnete sich immer mehr dem Fragen, auch und gerade in ihrer Literatur. Die „richtigen Fragen“, heißt es in dem neuen (alten) Prosatext „Was bleibt“, erkenne man daran, „daß sie einem außer Schmerz auch eine gewisse Befriedigung bereiteten“.

Einige Worte über Christa Wolf und ihre Rolle in der DDR, ein paar Überlegungen zu ihrem Werk sind angebracht, bevor ich auf diese Erzählung eingehe. In der berühmten Rede „Öffentlichkeit als Partner“ – sie entstand 1958 – wies Max Frisch auf ein Problem hin: „Plötzlich soll man etwas zu sagen haben, bloß weil man Schriftsteller ist.“ Und weiter: „So rächt sich die Öffentlichkeit dafür, daß wir sie angesprochen haben!“ In der Tat, ein Paradox: Ausgerechnet der Schriftsteller, der doch ein unsicherer Kantonist ist, der die direkten Aussagen scheut, der lieber umschreibt und umkreist, dessen Domäne das Fragen, die Andeutung, die Aussparung ist, er, der Schwierigkeiten mit der Sprache und dem Sprechen hat (warum sonst sollte er schreiben, vor allem: immer wieder schreiben?) – er ausgerechnet soll dazu taugen, in schwieriger Zeit den Weg zu weisen, sich klar auszusprechen, die richtige Parole des Tages zu finden?

Das mag ja vorkommen. Es hat in unserem Kulturkreis mehr als einmal die bewunderungswürdige Doppelbegabung gegeben oder den noch bewunderungswürdigeren Sprung über den eigenen Schatten. Ich klage an! Ich greife ein! Ich fordere! Gut, daß es diese Reden und Zeitungsartikel, diese Debatten und Beiträge zum politischen Geschehen gibt, die in den besten Beispielen um so vieles luzider sind als alles, was die Politiker, Redenschreiber und, ja, Journalisten zuwege bringen. Aber kann man, darf man deshalb einen Schriftsteller danach beurteilen, ob ihm derlei gelingt oder nicht?

Daß Dichter im Alltag keineswegs immer die Heldenrolle spielen, daß sie für Ideologien anfällig, für Versprechungen zugänglich sind, das weiß man doch nicht erst seit dem Abbau der Mauer. Was man auch wissen kann: daß die Schriftsteller in ihren Texten oft um vieles klüger als im Leben sind – in ihren literarischen Texten nämlich. Und um die geht es.

Seit Ende der sechziger Jahre (seit „Nachdenken über Christa T.“) entstand ein großes, großartiges erzählerisches Mosaik mitsamt Ergänzungen und Randglossen, das auf stille, oft still verzweifelte Art mit den Verhältnissen in der DDR zu tun hat. Doch es wäre klein gedacht von diesem Werk der Christa Wolf, es hieße dessen Rang völlig zu unterschätzen, wollte man die Texte lediglich auf Einblicke ins Getriebe dieses Staates hin lesen.