In der europäischen Literatur gibt es eine dunkle Tradition, eine Linie des nicht-narrativen Schreibens und der reinen Form. Sie reicht über Beckett, Breton, Alberto Savinio, Baudelaire und Lautreamont bis zu den manieristischen Dichtern des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts: John Donne, Gongora, Andrew Marvell, Giambattista Marino. Die großen Romanciers Europas bauten Häuser, Türme und Städte aus Wörtern; ihre Gegenspieler, die Manieristen, hausten in Spukschlössern. Giorgio Manganelli war einer der großen Vertreter dieser Gattung, die in den neunziger Jahren, wie es scheint, allmählich ausstirbt. Am vergangenen Montag ist er, 67 Jahre alt, in Mailand gestorben.

Manganellis Literatur ist eine Orgie: prachtvoll, schwülstig, ekstatisch, ornamental. Aber all seine Exzesse bleiben kalt, seine Ausschweifungen sind Liebesspiele des Geistes mit sich selber. „Die sexuellen Bestätigungen hier druntoben sind rein geistiger Art“, heißt es in seinem 1986 auf deutsch erschienenen Buch „Aus der Hölle“, einer Passage durch die Abgründe einer morbiden, todessüchtigen Phantasie. Hier, im „Druntoben“ des Geistes, wo es weder Himmel noch Erde gibt, war Manganelli zu Hause. Dieser „unermeßliche, grenzenlose und formlose Ort ohne Ursprung und Ende“, das Reich der Sprache, war sein Zentrum. Seine größte Anstrengung, sein ewiges und unerschöpfliches Kunstbemühen bestand darin, in den Mittelpunkt dieses Reiches zu gelangen, dorthin, wo nur noch Sprache ist und kein Ding mehr. Das kann niemandem gelingen, aber Manganelli kam seinem Ziel schon sehr nahe. „Du stellst – ebenso allein wie ich – dein Nichts meinem Nichts entgegen und machst dich damit sichtlich unsichtbar und endlich mir ähnlich“ schrieb er in „Amore“ (1982), seinem Liebes-Buch, in dem ein phantasmagorisches „Ich“ ein ebenso phantasmagorisches „Du“ begehrt, umwirbt, erfindet und auslöscht. Endlich in den Wörtern zu verschwinden, zwischen den Zeilen zu sein, im Geisterreich aufzugehen, das war seine Sehnsucht, die er in gewaltigen Sprachkaskaden beschwor.

Manganelli schrieb einen klaren, strengen und metallischen Stil – die Dunkelheit seiner Bücher liegt nicht in den einzelnen Sätzen, sondern in ihrer Konfiguration. In seinem ersten Werk „Hilarotragoedia“ („Niederauffahrt“, 1964) handelt er allein drei Seiten lang die Haupt- und Nebendeutungen des Verbums digradare ab, „verfallen, herunterkommen“: die Sprache zersetzt sich, die Bedeutungen flimmern und lösen sich auf. „Nuovo Commento“ („Omegabet“, 1969) ist ein Kommentar zu einem Text, den wir nie zu Gesicht bekommen; die Nachschrift hat die Urschrift wie eine Jagdbeute verschlungen. In „Irrläufe“ (1979) erzählt Manganelli „Hundert Romane in Pillenform“, die jeweils nur knapp zwei Buchseiten lang sind: die Geschichte eines Mannes, der den Beweis für die Existenz Gottes gefunden hat, ihn aber auf dem Nachhauseweg von einer Kneipe wieder vergißt; die Erlebnisse eines „Experten für nichtexistente Wesen“, der beim Spazierengehen ein Einhorn, einen Basilisken und einen Zentauren trifft und an seiner eigenen Existenz zu verzweifeln beginnt; oder das Bekenntnis eines Mannes, der „von Beruf Geträumter“ ist, aber die Rollen, die in den Träumen der Menschen für ihn vorgesehen sind, nicht mehr spielen will.

Das Buch, empfiehlt Manganelli, solle man lesen, indem man einen Wolkenkratzer besteige, der ebensoviel Stockwerke hat wie die „Irrläufe“ Zeilen; dann stürze man sich hinunter, und im Fallen trage ein eigens auf jeder Etage postierter Vorleser dem Leser des Buches das entsprechende Textstück vor. Die „Irrläufe“ sind Manganellis größtes Werk, weil sie den besonderen Zauber seines irrealen Schreibens am deutlichsten zum Ausdruck bringen. Wenn man das Buch gelesen hat, geht es einem wie dem Jäger Gracchus bei Kafka, der nicht mehr in seine gewohnte Welt zurück kann. Manganellis Sprache ist wie Gift, sie entwirklicht die Wirklichkeit und macht süchtig nach reiner Literatur.

Letteratura come menzogna, die Literatur als Lüge, das war Manganellis Wahlspruch und der Titel eines programmatischen Aufsatzes, mit dem er den neorealistischen und gesellschaftkritischen Konzepten der sechziger Jahre den Garaus machte. Literatur als Lüge – und als Trost: denn auf dem Grund von Manganellis Wortekstasen liegen Todesangst, Grauen und Melancholie. Im Schreiben schuf sich dieser kleine, schüchterne und zurückgezogen lebende Mann, der von seinen literarischen Gegnern gefürchtet und von einer exklusiven Lesergemeinde bewundert wurde, ein Traumreich, das den Anfechtungen des Daseins widerstand. „In Wirklichkeit macht allein die Literatur es uns möglich, in unserer Welt zu leben, und zwischen uns und der Katastrophe steht eine schmale Barriere von Büchern, keine Meisterwerke, sondern bescheidene, schlecht gedruckte und für ein Spottgeld übersetzte Bücher: die zahllosen Bücher, denen wir seit Ramses’ Zeiten unsere Angst vor dem Tod, unseren Durst zu töten, unsere Furcht vor der Zukunft anvertrauen.“ Auch seine Bücher gehören dazu. Andreas Kilb