Lux in tenebris – Licht im Dunkel: Reclams „Deutsche Dichter“ zielt auf luchshelle Leser. Nicht geschrieben für Jugendliche, ist es doch gerade diesen herzlich und verschwörerisch anzuempfehlen. Die Lektüre zwingt zu mehr Konzentration, als eine Comic-Blase sie abverlangt; aber sie hinterläßt tiefe Einsichten in Umfang und Qualität deutschen Literaturguts, gibt Orientierung im reißenden, reißerischen Strom heutiger Buchproduktion. Sie kann uns vor elenden Mißgriffen schützen und das vermitteln, was Nietzsche „Gefühl für Rang“ nennt.

Die Kassette versammelt in über 300 Artikeln die wesentlichen Autoren von den Anfängen deutschsprachiger Literatur bis in die jüngste Gegenwart. Das Schwergewicht liegt auf einer literaturgeschichtlichen, den neuesten Stand der Forschung wiedergebenden Darstellung, liegt auch auf der Autoren-Biographie. Ein Portrait des Dichters, bibliographische Hinweise auf Werkausgaben und wichtigste Sekundärliteratur ergänzen die Beiträge. Ein Werk, das als Kompendium und Arbeitsinstrument unvergleichlich ist: praktisch eine nach Geburtsdaten der Autoren gegliederte Literaturgeschichte. Der beigepackte Waschzettel ließe sich getrost abkupfern: Sonst ein Instrument der Gehirnwäsche wider Rezensenten, der verständliche Versuch, Blößen eines Werkes wortreich zu bedecken, entspricht er hier der Wahrheit.

Junioren sollten sich nicht vom meist hochkarätigen akademischen Ornat der Mitarbeiter an dieser Kassette schrecken lassen. Hier verschanzt sich keiner hinter verquaster, vorgeblich wissenschaftlicher Sprache. Kenner entriegeln Verständnis für ihren Gegenstand, wecken Neugier und Lust auf Primärliteratur, stiften Anregung, fordern Widerspruch.

Reclam legt einen Ariadne-Faden ins Labyrinth der Literatur. Hier kann jeder Bildungslücken zuspachteln, endlich Genesung schaffen vom schulischen Verdruß über totgeschwatzte Texte.

Ich erinnere Schule als den Ort, wo Phantasie gerodet, der stramme Spaliergedanke gehegt wurde. Müde Lehrer stemmten Geistesdenkmäler, beteten sie an mit leerer Inbrunst – besonders die kanonisierten Klassiker. Goethe und Schiller: die Polizisten des Guten, Wahren, Schönen. Mir geht die Vergangenheit durch; ich köpfe Deutschlehrer, die es heute nicht mehr gibt. Doch wer weiß? Ein paar Binsenlehrer leben vielleicht doch noch. Gegen sie gibt es jetzt diese Reclam-Ausgabe.

Hier werden Dichter und Werk von Staub befreit, frisch beatmet.

Schopenhauer: „Vom Schlechten kann man nie zu wenig und das Gute nie zu oft lesen. Um das Gute zu lesen, ist eine Bedingung, daß man das Schlechte nicht lese.“