Von Oswald Le Winter

ESSEN. – Hätte Heinz Galinski Leo Baecks „Das Wesen des Judentums“ (1922) gelesen, dann wüßte er, daß es für Juden nie Dogmen gegeben hat und schon lange keine höchste Autorität. Baeck berief sich auf eine lange Tradition jüdischer Denker, um zu beweisen, daß Pluralismus und demokratische Weltoffenheit spätestens seit Anfang der Diaspora das jüdische Wesen kennzeichnen.

Aber davon war in Berlin Anfang Mai nichts zu merken. Der Medienzirkus, den die Herren Galinski und Bronfman um die gemeinsame Tagung des World Jewish Congress und des Zentralrats veranstalteten, war töricht, weil wirkungslos mahnend, diktatorisch, weil er keine anderen Meinungen duldete und oppositionelle Stimmen ausgrenzte, und überflüssig, weil er die wirklichen Begehren aller hiesigen Juden vernachlässigte, um sich statt dessen dem Bundeskanzler anzubiedern.

Viele Juden in der Bundesrepublik und im restlichen Europa haben ernsthafte Sorgen wegen des Tempos, mit dem die deutsche Einigung betrieben wird. Der Wirtschaftsimperialismus, mit dem die Bundesregierung die DDR überrumpelt, trägt nicht zur Beruhigung bei. Zu viele mußten auf grausamste Weise erfahren, daß, solange es den Deutschen gutgeht, ihr Nationalismus eher weinselig und gegen jedermann wohlwollend ist, aber wenn die Zeiten hart werden, er seine Fangzähne zeigt und Sündenböcke sucht. Und der neuauflebende Judenhaß in der DDR verstärkt unsere Befürchtungen.

Aber damit hat sich die Berliner Tagung kaum beschäftigt. Geprägt von einem alteingefleischten Ghettodenken, das glaubt, „dient man dem Goi mit beiden Händen, darf man ihn rügen, ohne gepeitscht zu werden“, segneten Bronfman und Galinski Helmut Kohls machtpolitischen Feldzug gen Osten, während sie das hohe Roß des Moralpredigers bestiegen. Kohl nickte dem kanadischen Milliardär beipflichtend zu, als dieser ihn zur Nibelungentreue Israel gegenüber mahnte und ihm seine Nahostpolitik bis in alle Ewigkeit vorschrieb. Galinskis Ansprache, voll abgedroschener Phrasen, betonte wieder seine Bereitschaft, „mit allen aktiv zusammenzuarbeiten, die guten Willens sind“. Diese Bereitschaft erstreckte sich allerdings nicht auf die unabhängige, erst kürzlich in der DDR anerkannte jüdische Gemeinde „Adass Jisroel“, die von Galinski seit Jahren bekämpft wird; es gelang ihm, die neue Gemeinde durch den Druck seiner Bonner Förderer in letzter Minute von einem Empfang des Ministerpräsidenten De Maizière im Ostberliner Palasthotel auszusperren.

Als Jude hatte ich gehofft, daß das erste hohe internationale Gremium jüdischer Vertreter in Berlin seit über sechzig Jahren mehr Substanz und weniger Spektakel aufweisen würde. Ich wünschte mir wie viele, daß trotz der bekannten Publizitätssucht der Herren Bronfman und Galinski die Tagung sich mit Würde ernsten Themen widmen würde. Von wenigen Ausnahmen abgesehen wurden diese Hoffnungen enttäuscht.

Statt dessen importierte Bronfman den unter Anklage stehenden amerikanischen Justizbeamten Neil Sher, um auf seinem publizitätsträchtigen Steckenpferd Kurt Waldheim herumzureiten, ohne indes den alten Beschuldigungen etwas Neues hinzufügen zu können. Auch dürfte sich Edgar Bronfman seine für einen jüdischen Funktionär erstaunliche Bemerkung, „das schlimmste in der Geschichte ist nicht der Holocaust, sondern der Verlust der Demokratie“, nie erlaubt haben. Und anstatt mit Pietät zu applaudieren, als Helmut Kohl sich herabließ, der neuen DDR-Regierung zu gratulieren, daß sie sich bei den Juden für den Holocaust entschuldigte, hätte Herr Galinski den Bundeskanzler daran erinnern müssen, daß eine bundesdeutsche Regierung das bis heute nie getan hat.