Die CSU macht sich Sorgen um ihre politische Zukunft

Von Nina Grunenberg

München, Ende Mai

Die CSU wird von bösen Ahnungen geplagt. Früher und hartnäckiger als andere machte sie sich Sorgen um das Vaterland. „Es geht um Deutschland“: Das war der Schlachtruf, mit dem Franz Josef Strauß seine bayerischen Truppen für die Wahlkämpfe in Stellung brachte. Er hallt bis heute aus der Ewigkeit herüber und sichert den Anspruch der CSU auf Mitgestaltung in Bonn ab. Aber reicht das Vermächtnis des Verstorbenen auch für das „einig Vaterland“ noch aus?

In bewährter Manier beschäftigte sich die CSU-Grundsatzkommission unter Vorsitz von Innenminister Edmund Stoiber – einst als Strauß-Vasall im politischen Leben aufgetaucht und heute einer der vier Stellvertreter des CSU-Vorsitzenden Theo Waigel – erst am Wochenende wieder mit „Deutschlands Zukunft“. Das lag nahe. Doch ließ sich unschwer erkennen, daß den Parteifreunden, die in den Ballsaal des Münchner Hilton-Hotels am Tucherpark gekommen waren, andere Fragen noch viel näher lagen: Wird Bayerns Einfluß kleiner, wenn Deutschland größer wird? Wird es auch im Konzert mit vierzehn anderen Ländern noch seine angestammte Sonderrolle spielen und verteidigen können? Oder sinkt die CSU zur Provinz- und Landespartei ab? Soll sie sich in die DDR ausdehnen? Oder kann sie das Terrain der erst im Januar in der DDR gegründeten Schwesterpartei DSU überlassen und auf gute Zusammenarbeit hoffen?

Die verlegenen Ausreden, mit denen die CSU-Würdenträger die Fragen aus dem Publikum abwehrten, sprachen für sich: Selbst wenn die Damen und Herren gewollt hätten, hätten sie nicht gekonnt. Zwar haben einige von ihnen vorsorglich als „privat“ deklarierte Meinungen, doch deren Unterschiedlichkeit läßt allenfalls den Schluß zu, daß guter Rat in der CSU derzeit teuer ist. Je klarer die Einheit Deutschlands wird, desto mehr verschwimmt die Zukunft Bayerns vor ihren Augen. „Die Welt ist im Umbruch“, sinnierte Gerold Tandler, dessen einstige Kronprinzenrolle in der CSU mit dem Tode von Strauß erlosch und der sich seitdem als Finanzminister Bayerns lustlos durchs politische Leben schlägt. „Nichts stimmt mehr.“

Obwohl die CSU der Macht in Bonn mit sechs Ministern am Kabinettstisch noch nie so nahe war wie jetzt, kämpft sie in Bonn gleichzeitig gegen ein Gefühl der Ohnmacht an. Zum Zuschauen degradiert zu sein, aber nicht zum Handeln ausersehen, ist ein Eindruck, den ihr Helmut Kohl vermittelt, „der Kanzler der deutschen Einheit“, wie in München stets – gleichermaßen respektvoll und verwundert – hinzugesetzt wird. Zugetraut haben die Bayern ihm die Bedeutung nicht, zu der er aufgelaufen ist. Wer wollte es leugnen: Daß sie jetzt selber seine Opfer sind, mindert ihre Hochachtung für seine Leistung nicht.