Von Heinz Josef Herbort

Was war am Anfang – der Intellekt oder die Phantasie? Skeptiker werden meinen: keines; denn für sie stand am Beginn der Zufall. Wir aber heute, aufgeklärt und mit der ganzen Fülle der kreativen Möglichkeiten versorgt, die wir wissend über die Vergangenheit verfügen und in kühler Sachlichkeit wie trickreicher Cleverness die Zukunft gestaltend planen – wir entdecken immer wieder beim Studium der geschichtsorientierten Lehrbücher und während der Ausarbeitung der mittelfristigen Strategien unsere Neigung zur Phantasiewelt des Bilderbuchs, in der wir blätterten, bevor wir Buchstaben zu dechiffrieren lernten, und die wir uns heute sogar elektronisch ins Zimmer holen.

Auch die Oper ist seit ihrem Beginn solch ein Bilderbuch, in das wir blicken, wenn wir von den intellektuellen Planspielen genug haben. Was die Peri und Caccini, Landi und Monteverdi vor dreihundert Jahren, die Henze und Stockhausen, Reimann und Rihm uns heute vorführen, die Mythen um den Sänger Orpheus oder den Helden Odysseus, die individuellen Weltsichten oder Klang-Mystifikationen: Wir blicken in die Bilderbücher von dieser oder einer anderen Welt, und die Phantasiekraft der Bilder entscheidet darüber, ob wir uns entführen lassen oder mitzugehen uns weigern.

Es war gewiß kein das finanzielle Engagement kalkulierender Intellekt, der den „Landowner“ und Industriellen John Christie 1934 bewog, an das seit Jahrhunderten existierende Manor-House in Glyndebourne ein Theater anzubauen und dort mostly Mozart aufzuführen (ursprünglich einmal wollte er sich neben Mozart auch noch auf Wagner konzentrieren). Wer heute von der Londoner Victoria-Station nach Süden fährt, blickt schon bald in ein Bilderbuch von Landschaft: Sussex at its best; Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande. Hinter der unscheinbaren Eingangstür ein anderes Bilderbuch: Wie sich der kleine Moritz die feine englische Gesellschaft vorstellt. Da das Wetter in diesem Frühsommer seine führende Rolle mitspielt, kann jede Seite aufgeschlagen werden: Die Auffahrt, nicht so beäugt und bedrängt wie in Bayreuth, aber nicht weniger reiz- und stilvoll; der Gang durch den historischen Orgel-Saal, sozusagen das Allerheiligste; die Idyllen im Garten mit Plaids und Klappstühlen, mit Thermoskannen und Dom Perignon, mit Krockett und Gruppenphoto vor der Fassade – „Evening dress ist customary but not obligatory“. Auch das Programmheft: ein Bilderbuch. Knapp die erste Hälfte berät einen auf Hochglanz und in DIN A 4 über alle notwendigen und überflüssigen Modalitäten des Konsumverhaltens, vom feinen Glas bis zum Saint-Julien, den man daraus trinkt, von der Nobelkarosse bis zu den Koffern, die man darin verstaut.

„Vorhang hoch“ für die neue „Zauberflöte“ zu der ungewöhnlichen Zeit von 5.25 pm. Da windet sich gleichein junger Mann mit Krauskopf und in Jeans und T-Shirt vor dem Kulissen-Prospekt einer Megastadt und ihrem Lichtermeer, vor den Highways und ihren zu roten Bändern ausgeweiteten Rücklichtern. „Zu Hilfe, sonst bin ich verloren“: da erwacht offenbar jemand von einem Horror-Trip, und er weiß, daß nur radikaler Drogen-Entzug noch weiterhilft. Okay, denken wir, die Kids in Los Angeles werden heute kaum mehr Angst vor Schlangen haben, eher vor einem solchen Bewußtsein der Abhängigkeit. Aber daß dann ausgerechnet drei Damen im kleinen Schwarzen mit Monroe-Look befehlen können: „Stirb, Ungeheur, durch unsere Macht“, und das offenbar auch noch erfolgreich, denn eine Leuchtschrift verkündet, wie die Sprechblase in einem Comic: „Saved – Gerettet“ – das verwundert schon ein wenig. Ebenso der merkwürdig altmodische Weiber-Streit, in dem die drei sich um den Blondschopf ankeifen, der doch, das fühlt selbst ein Blinder, zu ihnen nun wirklich nicht paßt. Der Vogelmensch, der dann (vor einem Prospekt des Strandlebens bei San demente, Santa Barbara oder Monterey) auftritt und sich und sein Tun beschreibt, muß offenbar etwas uns unbekannt Bleibendes angestellt haben. Jedenfalls ist nicht einzusehen, warum die feinen Damen ihm ein Schloß vor den Mund hängen und es bald wieder abnehmen: „Lüge nur nicht wieder!“

Spätestens hier fällt auf, und es gilt für den ganzen Abend, daß alle Dialoge gestrichen sind. Hmmh. Eine blitzschnelle Überlegung – blöder Intellekt – kommt zu der Erkenntnis, daß damit alle Probleme zwar nicht gelöst, aber vorerst aus der Welt sind, existent, aber nicht relevant, vorhanden eben nur für jene, die unbedingt „denken“ wollen. Nichts also von Freimaurerei und Weisheitslehre. Nichts aber dann auch vom Gegensatz Sarastro-Königin der Nacht. Worum handelt es sich überhaupt noch? Nichts von Schweigegebot – warum beklagt sich Pamina in ihrer berühmten kleinen g-moll-Arie? Nichts vom „Umkippen“ des Tamino – wer versteht den Unterschied zwischen den beiden Arien der Königin der Nacht?

Aber der Mann, der dies alles unserer Phantasie überläßt, hat Einfälle, und die haben nicht ohne Grund inzwischen in der Theaterwelt für Aufsehen gesorgt: Peter Sellars versetzte schon Mozarts „Figaros Hochzeit“ in ein Appartement des New Yorker Trump Towers, „Così fan tutte“ in Despinas Fast-food-Etablissement an der Küste und „Don Giovanni“ in eine drogenträchtige Ecke von Harlem, und das hat uns eine Menge neuer Informationen (wieder dieser Intellekt) vermittelt.